Sie wissen, dass dieser Mensch Sie herabsetzt und kontrolliert. Trotzdem gelingt es Ihnen nicht, sich von ihm zu trennen. Meldet er sich nicht, wird Ihnen die Brust eng, und Sie können nicht einschlafen. Meldet er sich dann wieder, sind Sie erleichtert, obwohl sich an ihm nichts geändert hat.
Halten Sie an ihm fest, weil er trotz allem ein guter Mensch ist, oder weil Sie Angst haben, allein zurückzubleiben?
Vielleicht halten Sie gar nicht deshalb an ihm fest, weil er ein guter Mensch ist. Auch Liebe allein erklärt es nicht ganz. Wenn Sie allein sind, kommen Leere und Angst über Sie, und beides ist kaum auszuhalten. Deshalb sorgen Sie zuerst dafür, dass überhaupt jemand an Ihrer Seite ist, noch bevor Sie fragen, ob dieser Mensch Sie achtet. Solange er nur bei Ihnen ist, fühlen Sie sich schon ruhiger, selbst wenn er Sie herabsetzt, quält und Ihnen keine Liebe gibt. Wer er ist und wie er Sie behandelt, spielt dann kaum noch eine Rolle.
Er meldet sich nur eine Weile nicht: Woher kommt dann das Gefühl, verlassen worden zu sein?
Ein kleines Kind lernt in der Beziehung zu dem Menschen, der es versorgt, auf etwas zu vertrauen: Auch wenn dieser Mensch gerade nicht in der Nähe ist, ist er noch irgendwo, er hat das Kind lieb, und er kommt wieder. Dieses Vertrauen nennt man Objektkonstanz. „Objekt“ meint hier keinen Gegenstand, sondern den Menschen, der das Kind versorgt. „Konstanz“ heißt Beständigkeit: Dieser Mensch ist immer irgendwo da, auch wenn das Kind ihn nicht sieht. War die Fürsorge oft unterbrochen oder nicht vorhersehbar, kann sich dieses Vertrauen nur schwer bilden. Dann erlebt das Kind einen Menschen, den es nicht sieht, nicht nur als abwesend, sondern als ganz verschwunden.
Wenn Sie so aufgewachsen sind, können Sie auch heute eine späte Antwort oder eine abgesagte Verabredung nicht einfach als Verspätung oder Absage abhaken. Sofort ist eine Deutung da: „Ich bin verlassen worden.“ „Ich bin niemandem wichtig.“ Diese Gedanken machen Ihnen Angst. Damit die Angst aufhört, melden Sie sich wieder und wieder beim anderen oder lassen sich auf ungerechte Forderungen von ihm ein.
Wie groß diese Angst sein kann, zeigen Sätze, die man von Menschen ohne Objektkonstanz oft hört. Vielleicht kennen Sie sie auch von sich selbst: „Ich wünsche mir nur, dass jemand bei mir bleibt, bis ich eingeschlafen bin.“ „Ich habe solche Angst, nachts allein zu schlafen.“ Ursprünglich ist das die Angst eines Säuglings, der dieses Vertrauen noch nicht gelernt hat. Stellen Sie sich vor, wie groß seine Angst ist, wenn in stockdunkler Nacht seine Mutter nicht da ist, die ihn versorgt. Genau diese Angst spüren Sie dann noch mit zwanzig, dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren. Wer diese Angst nicht kennt, sagt vielleicht: „Dann schlaf doch einfach.“ Für Sie aber kann eine solche Nacht so beängstigend sein, dass Sie in Panik geraten. Bei einer so großen Angst zählt vor allem, dass jemand bei Ihnen bleibt, und kaum noch, wer es ist.
Wenn Ihr Wert mit seinem Lob und seinen Vorwürfen steigt und fällt, warum halten Sie dann sogar an einer schlechten Beziehung fest?
Wenn Sie ein sicheres Gefühl dafür haben, wer Sie sind, verlieren Sie dieses Gefühl nicht, wenn andere Sie loben oder kritisieren: Ein Lob steigt Ihnen nicht zu Kopf, und eine Kritik lässt nicht alles zusammenbrechen, was Sie ausmacht. Ist dieses Gefühl dagegen schwach, entscheidet von Tag zu Tag die Reaktion des anderen darüber, wie viel Sie wert sind.
Ist er liebevoll zu Ihnen, fühlen Sie sich wertvoll; wird er kühl und wendet sich ab, fühlen Sie sich wie jemand, den man verlassen hat. Wenn nun seine Reaktion bestimmt, was Sie wert sind, dann verschwindet mit dem Ende der Beziehung auch der Mensch, der Ihnen überhaupt einen Wert gibt. Ohne ihn fühlt es sich an, als wären Sie nichts mehr wert. Deshalb zählt weniger, ob die Beziehung Ihnen guttut, als dass sie nicht abreißt. Lieber halten Sie an einer schlechten Beziehung fest, als allein zu sein.
Ist es Willensschwäche, wenn Sie einen Menschen nicht verlassen, der Sie erst quält und dann wieder zärtlich zu Ihnen ist?
Wäre er immer nur kalt, würden Sie die Gefahr leichter erkennen. Doch wenn er Sie beleidigt und sich danach entschuldigt, wenn er Ihnen Angst macht und dann plötzlich zärtlich zu Ihnen ist, ist die Erleichterung groß. Kommen Schmerz und Trost abwechselnd von demselben Menschen, hält Sie eine Hoffnung in der Beziehung fest: Vielleicht wird es diesmal anders.
Dass Sie nicht gehen, liegt nicht an einem schwachen Willen, sondern daran, dass zwei Dinge Sie zugleich halten. Die Angst, allein zurückzubleiben, hält Sie ohnehin schon fest; sie ist älter als diese Beziehung. Und die Hoffnung weckt er selbst, jedes Mal, wenn er nach dem Schmerz wieder zärtlich zu Ihnen ist. Verurteilen Sie sich deshalb nicht dafür, dass Sie nicht gegangen sind. Kommt es aber zu Gewalt, zu Drohungen oder zu finanzieller Kontrolle, dann hat etwas anderes Vorrang, noch bevor Sie sich fragen, warum Sie nicht gehen können: Sagen Sie es einem Menschen, dem Sie vertrauen, der Polizei oder einer Beratungsstelle, und sorgen Sie dafür, dass Sie körperlich in Sicherheit sind.
Wie halten Sie es allein immer ein Stück länger aus, statt hastig jemanden zu suchen, der bei Ihnen bleibt?
Ist es die Angst vor dem Alleinsein, die Sie in dieser Beziehung hält, dann kann diese Angst noch größer werden, wenn Sie sich zwingen, die Beziehung allein durch einen Entschluss zu beenden, oder wenn die Menschen um Sie herum Sie dazu zwingen. Besser wird es auf einem anderen Weg: Wenn die Angst kommt, greifen Sie nicht hastig nach jemandem, der bei Ihnen bleibt, sei es nach ihm oder nach einem anderen Menschen, sondern verlängern Schritt für Schritt die Zeit, in der Sie es allein aushalten.
Dafür müssen Sie vorsorgen, bevor die Angst kommt. Vorsorgen heißt: Sie greifen nicht erst in der Not nach irgendjemandem, sondern klären vorher, wer und was Ihnen hilft. Sagen Sie einem Menschen, dem Sie vertrauen, wie es um Sie steht. Legen Sie fest, wen Sie anrufen, wenn Sie nachts Angst bekommen. Und überlegen Sie sich, wie Sie Ihren Körper beruhigen können, wenn Sie allein sind, zum Beispiel, indem Sie langsam und ruhig atmen. Wenn die Angst dann kommt und Sie wissen, wen Sie erreichen können und wie Sie sich selbst beruhigen, halten Sie es allein länger aus. Und wenn Sie zu mehreren Menschen sichere Beziehungen aufbauen, lässt auch der Drang nach, sich an einen einzigen Menschen zu klammern.
Wenn Sie verstehen, woher Ihre Angst kommt, müssen Sie dann hinnehmen, wie er Sie behandelt?
Dass Sie nicht gegangen sind, hat vielleicht nicht nur mit ihm zu tun. Es kann auch daran liegen, dass in dem Moment, in dem Sie allein sind, eine alte Angst zurückkommt: die Angst des Säuglings, der in stockdunkler Nacht ohne seine Mutter ist. Diese Angst spüren Sie heute als erwachsener Mensch. Sie dürfen verstehen, woher sie kommt. Wie er Sie behandelt, müssen Sie trotzdem klar beurteilen. Denn Einsamkeit auszuhalten und sich quälen zu lassen sind zwei verschiedene Dinge: Das Alleinsein können Sie Schritt für Schritt aushalten lernen. Sich quälen zu lassen, nur um nicht allein zu sein, müssen Sie nicht.
Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum