Es gibt Abende, an denen Sie den Tag noch einmal durchgehen und sich fragen: Warum habe ich das bloß gemacht? Und jedes Mal bleibt am Ende nur ein Satz übrig wie „Typisch ich. Ich tauge eben nichts.“ oder „Warum bin ich nur so egoistisch?“ Was Sie eigentlich wollten, als Sie es getan haben, und warum Sie sich so entschieden haben, wissen Sie danach so wenig wie vorher. Sie haben nur ein Urteil über sich gefällt: dass Sie egoistisch sind und nichts taugen.
Sie fühlen sich nach dem Zurückblicken kleiner als vorher – haben Sie sich dann Ihr Verhalten angesehen oder sich selbst bewertet?
Selbstreflexion heißt, zurückzublicken und sich anzusehen, warum Sie etwas getan haben und was daraus entstanden ist, und zwar so, wie es tatsächlich war. Bei einer Selbstverurteilung geschieht etwas anderes. Dort schließen Sie aus einem einzigen Verhalten, dass Sie als ganzer Mensch egoistisch sind und nichts taugen.
Bei der Selbstreflexion sehen Sie sich ein Verhalten an, und ein Verhalten lässt sich ändern. Darum erkennen Sie danach, was Sie beim nächsten Mal anders machen können. Bei der Selbstverurteilung dagegen steht schon fest, dass Sie als ganzer Mensch nichts taugen. Dann scheint es nichts mehr zu bringen, ein einzelnes Verhalten zu ändern. Wenn Sie so von sich denken, möchten Sie sich am liebsten verkriechen. Und weil es scheinbar nichts zu ändern gibt, geben Sie auf. Wenn Sie sich also nach dem Zurückblicken kleiner fühlen als vorher, war das keine Selbstreflexion, sondern eine Selbstverurteilung. Sie haben sich nicht Ihr Verhalten angesehen, sondern sich selbst bewertet.
Woher kommt der Vorwurf, der wie Ihre eigene Stimme klingt?
Manchmal genügt schon der Gedanke, dass Sie sich gern ausruhen würden, und sofort meldet sich wie von selbst ein Satz: „Du bist faul.“ Das kommt daher: Als Kind haben Sie ein solches Urteil immer wieder von Ihren Eltern oder Lehrern gehört, und es hat sich in Ihnen festgesetzt. Heute muss es niemand mehr aussprechen. Sie sagen es sich selbst, und deshalb klingt es wie Ihre eigene Stimme.
Nur weil diese Stimme vertraut klingt, hat sie aber noch nicht recht. „Ich möchte mich ausruhen“ sagt, was Sie gerade wollen. „Du bist faul“ ist ein Urteil darüber, was für ein Mensch Sie sind. Das sind zwei verschiedene Aussagen. Dass Sie sich ausruhen möchten, macht Sie noch nicht zu einem faulen Menschen. Nehmen Sie deshalb zuerst einfach wahr, was Sie gerade wollen: „Ich möchte mich ausruhen.“ Ob der Vorwurf „faul“ zutrifft, prüfen Sie erst danach und getrennt davon. Dafür sehen Sie nach, wie viel von Ihren Aufgaben Sie tatsächlich erledigt haben.
Welche Wörter machen aus Selbstreflexion eine Selbstverurteilung?
Aus Selbstreflexion wird Selbstverurteilung, sobald Sie an das, was Sie wollten, ein Wort hängen, das über gut und schlecht urteilt. Solche Wörter sind zum Beispiel „egoistisch“ oder „wichtigtuerisch“. Der Satz „Ich wollte in der Besprechung, dass meine Meinung vor allen anderen anerkannt wird“ beschreibt einfach, was Sie in der Besprechung wollten, so wie es war. Setzen Sie aber den Satz dahinter: „Also bin ich eben ein Mensch, der sich immer wichtig machen muss“, dann gibt es nichts mehr zu untersuchen. Denn wenn schon feststeht, was für ein Mensch Sie sind, müssen Sie nicht mehr fragen, warum Sie sich diese Anerkennung so sehr gewünscht haben.
Statt ein solches Wort anzuhängen, können Sie weiterfragen: In welcher Situation ist Ihr Wunsch nach Anerkennung so groß geworden? Sind Sie deswegen vielleicht jemandem ins Wort gefallen? Und wie wollen Sie Ihre Meinung beim nächsten Mal sagen? Wenn Sie tatsächlich jemanden unterbrochen haben, dann geben Sie das klar zu. Kleben Sie sich deswegen aber kein Etikett wie „wichtigtuerisch“ auf, das für Ihre ganze Person gelten soll. Nur so bleibt etwas, das Sie ändern können: Ihr Verhalten.
Müssen Sie sich selbst bestrafen, um Verantwortung zu übernehmen?
Manchmal sagt eine Mutter oder ein Vater dem eigenen Kind über Jahre: „Das habe ich doch nur für dich getan.“ Und eines Tages kommt die Erkenntnis: Wenn ich „für dich“ gesagt habe, ging es mir mehr darum, wie ich vor anderen dastehe, als darum, was mein Kind fühlt. Eine solche Erkenntnis kann wehtun. Wer sie aber nicht dazu benutzt, sich zu bestrafen, sondern sie einfach als Tatsache annimmt, macht sich nicht endlos Vorwürfe. Stattdessen hört er dem Kind zu, entschuldigt sich und ändert sein Verhalten.
Schuldgefühl ist das Gefühl „Ich habe etwas falsch gemacht“. Scham ist das Gefühl „Ich bin ein schlechter Mensch“. Das Schuldgefühl hilft, ein falsches Verhalten zu korrigieren. Bleibt es aber nicht bei „Ich habe etwas falsch gemacht“, sondern geht es weiter zu „Ich bin eine schlechte Mutter“ oder „Ich bin ein schlechter Vater“, dann wird aus dem Schuldgefühl Scham. Das ist derselbe Schritt wie bei der Selbstverurteilung: Aus einer Tat wird ein Urteil über die ganze Person. Deshalb hat die Scham auch dieselbe Folge: Man möchte sich am liebsten verkriechen und verliert womöglich sogar den Mut, sich zu entschuldigen.
Verantwortung zu übernehmen heißt also nicht, sich selbst zu bestrafen. Ob Sie Verantwortung übernommen haben, zeigt sich nicht daran, wie hart Sie mit sich ins Gericht gegangen sind. Es zeigt sich daran, ob Sie sich tatsächlich entschuldigt und Ihr Verhalten geändert haben.
Was sehen Sie, wenn Sie in einem Vorwurf gegen sich selbst das Urteil weglassen?
Angenommen, Sie fragen sich nach einem Gespräch: „Warum bin ich nur so egoistisch?“ Lassen Sie das Urteil „egoistisch“ weg und erinnern Sie sich stattdessen daran, was Sie sich in diesem Gespräch gewünscht haben. Dann können Sie den Satz etwa so umschreiben: „Ich wollte heute im Gespräch, dass man sich zuerst anhört, was ich zu erzählen habe.“ Jetzt sehen Sie keinen egoistischen Menschen mehr vor sich, sondern einen Wunsch. Prüfen Sie danach, auf welche Weise Sie diesen Wunsch gezeigt haben und was das bei Ihrem Gegenüber ausgelöst hat.
Wenn Sie zu sich selbst „Ist schon gut“ sagen, bedeutet das dann, dass Sie nichts falsch gemacht haben?
Wenn sich in Ihnen wieder einmal wie von selbst ein Vorwurf meldet und Sie bemerken: „Ich verurteile mich gerade“, dann können Sie sich Folgendes sagen: „Durch einen Fehler geht die Welt nicht unter, und er macht mich auch nicht zu einem Menschen, der nichts taugt. Also gibt es keinen Grund, mich zu verurteilen.“ In drei Worten heißt das: „Ist schon gut.“
„Ist schon gut“ heißt aber nicht, dass Sie nichts falsch gemacht haben. Es heißt: Sie können einen Fehler sehen und ihn korrigieren, ohne sich dabei selbst schlechtzumachen. Sie blicken nicht zurück, um mit dem Satz „Ich habe nichts falsch gemacht“ über einen Fehler hinwegzugehen. Sie tun es auch nicht, um wieder das Urteil „Ich bin ein schlechter Mensch“ über sich zu fällen. Sie blicken zurück, um zu verstehen, was Sie gewollt haben und warum Sie so gehandelt haben. Das soll Ihnen helfen, beim nächsten Mal verantwortungsvoller zu entscheiden, was Sie tun.
Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum