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Notizen über Tiefenpsychologie, über Träume und über die Muster, die wir wiederholen. Langsame Texte darüber, was sich unter dem gewöhnlichen Leben bewegt. Keine schnellen Lösungen, sondern der Versuch, die Schwierigkeit so genau wie möglich zu beschreiben.

Wer hier schreibt und warum es so geschrieben ist, steht unter Über. Die Texte sind nicht als Lehrgang angeordnet; fangen Sie bei der Überschrift an, die Ihnen auffällt.

  • Warum ein Lob verfliegt und eine Kritik wochenlang bleibt

    Eine Kollegin sagt nach der Besprechung: „Das haben Sie gut erklärt.“ Sie bedanken sich, und zehn Minuten später ist davon nichts mehr übrig. Was Ihr Teamleiter vor drei Wochen gesagt hat, haben Sie dagegen noch Wort für Wort im Ohr, samt Tonfall: „Das hätte man auch früher merken können.“

    Man kann das mit einem geringen Selbstwertgefühl erklären. Mit dieser Erklärung allein versteht man aber nicht, warum ausgerechnet die Kritik bleibt und das Lob verfliegt. Dafür muss man genauer hinsehen, wie eine Bemerkung aufgenommen wird.

    Wie prüft ein altes Selbstbild jedes Lob und jede Kritik?

    Wer immer wieder Vorwürfe zu hören bekommen hat, kann ein Bild von sich entwickeln, das ungefähr lautet: „Ich genüge nicht.“ Jede neue Äußerung wird dann zuerst daran gemessen, ob sie zu diesem Bild passt.

    Ein Lob passt nicht. Es wird als Übertreibung oder bloße Höflichkeit abgetan. Eine Kritik passt sofort. Sie wird übernommen, als bestätige sie nur, was Sie ohnehin schon wussten. Hängen bleibt also, was zum alten Bild passt.

    Wodurch lernt man in Beziehungen, Gutes und Schlechtes zusammenzubringen?

    Einem kleinen Kind fällt es anfangs schwer zu verstehen, dass die Mutter, die ihm gibt, was es braucht, und die Mutter, die es warten lässt, ein und dieselbe Person sind. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein hat beschrieben, dass ein Kind in dieser frühen Zeit gute und schlechte Erfahrungen getrennt voneinander aufbewahrt. Man spricht hier von Spaltung, weil das Erlebte gleichsam in zwei getrennte Fächer sortiert wird, die einander nicht berühren. Die Spaltung ist ein früher Schutz: Solange das Schlechte in seinem eigenen Fach liegt, kann es das Gute nicht verderben. So bleibt dem Kind die Erinnerung an die gute Beziehung erhalten, auch in Momenten, in denen es von Angst überwältigt wird.

    Wiederholt sich verlässliche Fürsorge, begreift das Kind nach und nach: „Meine Mutter liebt mich, aber manchmal enttäuscht sie mich.“ Und: „Ich habe Stärken, und ich mache auch Fehler.“ Gutes und Schlechtes können dann nebeneinander bestehen, ohne dass die Beziehung oder der eigene Wert ganz zusammenbricht.

    Wo diese verlässliche Fürsorge gefehlt hat, fällt es schwer, Gutes und Schlechtes nebeneinander stehen zu lassen. Dann kann schon eine einzelne Kritik den ganzen eigenen Wert ins Wanken bringen, und für ein Lob bleibt daneben kein Platz.

    Warum ist es mit mehr Lob allein nicht getan?

    Dass sich gute Beziehungserfahrungen ansammeln, ist wichtig. Doch einfach öfter gelobt zu werden, reicht nicht aus. Ob etwas Positives bei Ihnen ankommt, hängt auch von anderem ab: von Depression und Angst, von Scham, von erlebter Misshandlung und von Perfektionismus. Und es kommt darauf an, was gelobt wird und ob Sie dem Menschen trauen, der es sagt.

    Ein pauschales „Sie sind großartig“ lässt sich schwer annehmen. Ein konkretes „Gut fand ich, dass Sie sich die Frage erst ganz angehört und dann geantwortet haben“ nehmen Sie leichter an, denn das können Sie selbst nachprüfen.

    Hilfreich ist eine kleine Übung: Zwingen Sie sich nicht, das Lob zu glauben. Widersprechen Sie ihm aber auch nicht sofort, auch nicht still für sich, etwa mit „Das ist doch nur Höflichkeit“. Lassen Sie es stattdessen einen Tag lang einfach stehen, als bloße Information: Jemand hat das über Sie gesagt. Ob es stimmt, müssen Sie noch nicht entscheiden.

    Was lässt gute Erfahrungen bleiben: ein großes Lob oder Sicherheit, die Sie immer wieder erleben?

    Ein einzelnes begeistertes Wort ändert ein altes Selbstbild nicht auf der Stelle. Dafür müssen sich Erfahrungen ansammeln, die Sicherheit geben: einen Fehler machen und nicht bloßgestellt werden, eine Bitte abschlagen und die Beziehung nicht verlieren, auch an ganz gewöhnlichen Tagen mit Respekt behandelt werden.

    Die kleine Übung mit dem Lob lässt sich noch ergänzen: Wenn Sie das nächste Mal gelobt werden, können Sie den genauen Satz aufschreiben, bevor Sie ihn bewerten. Nur die Tatsachen: wer es gesagt hat, auf welches Verhalten es sich bezog und mit welchen Worten. Es geht nicht darum, jedes freundliche Wort zu glauben. Es geht darum, dass neben den alten Vorwürfen auch etwas anderes Platz bekommt: Belege, die nicht zu „Ich genüge nicht“ passen.


    Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

  • Warum es Trauer braucht, auch wenn die Eltern noch leben

    Manche Menschen führen auch nach der Beerdigung noch innere Gespräche mit dem Verstorbenen, rechtfertigen sich vor ihm und bitten ihn um Erlaubnis, bevor sie etwas entscheiden. Andere haben Eltern, die noch leben, und hoffen: „Eines Tages werden sie mich verstehen.“ Mit dieser Hoffnung gehen sie in jede Begegnung mit ihnen und werden jedes Mal auf dieselbe Weise verletzt.

    Vielleicht kennen Sie das: Sie erzählen beim Sonntagsbesuch von Ihrer neuen Stelle, und Ihre Mutter geht nicht darauf ein, sondern fragt nach Ihrem Bruder. Auf der Heimfahrt nehmen Sie sich vor, beim nächsten Mal besser zu erklären, was Ihnen diese Stelle bedeutet.

    Ob nach einem Todesfall oder bei Eltern, die noch leben: In beiden Fällen hat man sich innerlich vielleicht noch nicht damit abgefunden, dass die Beziehung, nach der man sich sehnt, in Wirklichkeit nicht mehr zu haben ist. Der Verstorbene kommt nicht zurück, und die Eltern werden einen auch in Zukunft nicht so verstehen, wie man es sich wünscht.

    Gehört zur Trauer auch anzuerkennen, dass Ihnen Liebe gefehlt hat?

    Trauer bedeutet nicht nur, viel zu weinen. In der Trauer finden Sie sich nach und nach damit ab, dass manches nicht kommen wird: Ein Mensch kehrt nicht zurück. Die Entschuldigung und die Anerkennung, auf die Sie warten, bleiben aus. Eine Zukunft, die Sie sich vorgestellt haben, wird es nicht geben. Auf diesem Weg wird die Kraft, die bisher etwa in innere Gespräche mit dem Verstorbenen oder ins Warten auf das Verständnis Ihrer Eltern geflossen ist, frei für Ihr Leben heute.

    Zur Trauer gehört also nicht nur anzuerkennen, dass ein Mensch nicht mehr da ist, sondern auch, dass Ihnen Liebe gefehlt hat, die Sie nicht bekommen konnten. Deshalb passt das Wort Trauer auch dort, wo niemand gestorben ist. Auch hier geht etwas verloren, nur ist es kein Mensch: die Hoffnung, die Eltern könnten doch noch so werden, wie Sie sie gebraucht hätten.

    Woran merken Sie, dass Sie sich mit dem Verstorbenen gleichsetzen und sein Leben statt Ihres eigenen leben?

    Dass man nach einem Verlust anfängt, so zu sprechen wie der Mensch, den man verloren hat, oder seine Gewohnheiten übernimmt, kann ein natürlicher Teil der Trauer sein. Man setzt sich so ein Stück weit mit ihm gleich; in der Psychologie heißt das Identifikation. Anders ist es, wenn Sie aus Schuldgefühl meinen, Sie dürften es nicht besser haben als der Mensch, der gestorben ist. Dann sagen Sie etwa eine Reise ab oder kümmern sich nicht mehr um Ihre Gesundheit. So werden Sie ihm nicht mehr nur in Worten und Gewohnheiten ähnlich, sondern auch darin, dass er vom Leben nichts mehr hat. Was ein Weg war, ihn in liebevoller Erinnerung zu behalten, ist zur Selbstzerstörung geworden.

    Nicht jede Depression und nicht jede Gefahr, sich etwas anzutun, darf man damit erklären, dass jemand nicht richtig trauern konnte. Wer schwer niedergeschlagen ist, daran denkt, nicht mehr leben zu wollen, oder seinen Alltag nicht mehr bewältigt, braucht sofort fachliche Hilfe. Dann kommt die Sicherheit zuerst und erst danach die Frage, was dahinterstecken könnte.

    Heißt Trauer um lebende Eltern, sie im Stich zu lassen?

    Was Sie in dieser Trauer loslassen, sind nicht Ihre Eltern, wie sie wirklich sind, sondern die Erwartung, dass sie eines Tages die Eltern werden, die Sie sich gewünscht haben. Solange Sie von Eltern, die längst alt geworden sind, noch den Schutz und die Anerkennung verlangen, die Sie als Kind nicht bekommen haben, wiederholt sich bei jeder Begegnung dieselbe Enttäuschung.

    Wenn Sie anerkennen, was Ihre Eltern nicht können, müssen Sie ihnen deshalb nicht verzeihen, was sie falsch gemacht haben. Vielleicht ist es auch nötig, den Kontakt einzuschränken und mehr Abstand zu halten. Trauer heißt nicht, die Eltern in ein besseres Licht zu rücken, sondern genau zu sehen, was sie Ihnen geben können und was nicht.

    Warum sehen Sie erst dann, was mit Ihren Eltern möglich ist und was nicht, wenn Sie Ihr Wunschbild von ihnen loslassen?

    Vielleicht tragen Sie noch immer ein Wunschbild von Ihren Eltern in sich: „Meine Eltern verstehen mich, wenn ich es nur gut genug erkläre“ oder „Eines Tages werden sie sich bei mir entschuldigen“. In Wirklichkeit streiten Ihre Eltern vielleicht weiter ab, was sie falsch gemacht haben, und machen Ihnen Vorwürfe. Wenn Sie trotzdem an Ihrem Wunschbild festhalten, gehen Sie mit derselben Erwartung in den nächsten Besuch – und nehmen sich auf der Heimfahrt wieder vor, es beim nächsten Mal besser zu erklären.

    Erst wenn Sie diese Erwartung loslassen, begegnen Sie Ihren Eltern, wie sie wirklich sind. Dann können Sie auch ihre kleinen guten Seiten wahrnehmen, ohne sie aufzubauschen, und bei Verhalten, das Ihnen schadet, klarere Grenzen ziehen. Das Wunschbild loszulassen ist nicht dasselbe, wie die Beziehung abzubrechen. Es heißt vielmehr, nur die Beziehung zu behalten, die tatsächlich möglich ist.

    Wie zeigt sich, dass Ihre Trauer fortschreitet und innere Gespräche nicht mehr bestimmen, was Sie heute tun?

    Die Trauer ist nicht erst dann vorbei, wenn Sie den Verstorbenen vergessen haben oder für Ihre Eltern nichts mehr empfinden. Wenn Erinnerungen kommen und Sie traurig werden, deswegen aber nicht auf Essen und Schlaf, auf Beziehungen und Arbeit verzichten, dann kehrt Ihr Leben allmählich in die Gegenwart zurück. Auch die inneren Gespräche müssen nicht ganz aufhören. Aber sie bestimmen nicht mehr, was Sie heute tun. Bevor Sie etwas entscheiden, bitten Sie den Verstorbenen nicht erst innerlich um Erlaubnis, und Sie fahren nicht mehr mit dem Vorsatz nach Hause, es Ihren Eltern beim nächsten Mal besser zu erklären.

    Anzuerkennen, dass Ihnen Liebe gefehlt hat, die Sie gebraucht hätten, tut sehr weh. Aber es bewahrt Sie davor, immer weiter zu warten – auf einen Menschen, der nicht zurückkommt, oder auf die Eltern aus Ihrem Wunschbild – und dabei die Beziehungen aus den Augen zu verlieren, die Sie heute haben. Was Sie loslassen, ist nicht Ihre Liebe, sondern die Erwartung, die Vergangenheit ließe sich noch ändern, als könnten Ihre Eltern Ihnen heute noch geben, was Sie als Kind gebraucht hätten.


    Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

  • Wenn derselbe Traum wiederkommt: das Gefühl, das Sie tagsüber weggeschoben haben

    Sie wachen auf, und die Szene aus dem Traum ist noch da. Ein dunkler Flur, Sie suchen eine Tür, Sie haben es eilig, und die Luft wird knapp. Beim Zähneputzen haben Sie das Bild immer noch vor Augen, beim Losfahren auch. Es ist nicht das erste Mal: derselbe Flur, dieselbe Hast, seit Wochen in unregelmäßigen Abständen.

    Dabei ist tagsüber nichts passiert — jedenfalls kommt es Ihnen so vor. Gestern hat in der Besprechung wieder jemand eine Bemerkung über Ihre Arbeit gemacht, halb im Scherz, vor allen anderen. Sie haben mitgelacht und weitergearbeitet — so wie letzte Woche, so wie im Monat davor. Jedes Mal schien die Sache damit erledigt.

    Der Traum kehrt nicht wieder, weil er Ihnen etwas über die Zukunft sagen will. Er kehrt wieder, weil es ein Gefühl gibt, das Sie am Tag nicht richtig gespürt und über das Sie nicht weiter nachgedacht haben: etwa die Kränkung, die Sie in der Besprechung weggelacht haben. Nachts meldet sich dieses Gefühl wieder, aber in einer ganz anderen Szene: nicht in der Besprechung, sondern in einem dunklen Flur, in dem Sie eine Tür suchen und die Zeit nicht reicht. Deshalb erkennen Sie den Zusammenhang nicht sofort.

    Steckt hinter jedem Traum ein verborgener Sinn?

    Man kann nicht behaupten, jeder Traum habe einen verborgenen Sinn. Die Serie, die Sie abends gesehen haben, körperliche Empfindungen, irgendeine Kleinigkeit vom Tag — auch daraus macht der Schlaf Bilder.

    Woran Sie einen Traum erkennen, bei dem sich Nachdenken lohnt: Dieselbe Szene kehrt wieder — oder das Gefühl aus dem Traum bleibt noch Stunden nach dem Aufwachen. Dann ist es die Mühe wert zu prüfen, ob und wo Ihnen dieses Gefühl im Alltag schon begegnet ist.

    Warum ist ein weggeschobenes Gefühl nicht erledigt?

    Verdrängung nennt die Psychoanalyse einen Schutzmechanismus der Seele: Ein Gedanke oder ein Gefühl, das schwer zu ertragen ist, wird aus dem Bewusstsein geschoben. Was verdrängt ist, ist also nur beiseitegeschoben, nicht aus der Welt geschafft. Angenommen, Sie ärgern sich über jemanden und sagen sich: „Ich bin nicht wütend auf ihn.“ Damit ist die Wut nicht vorbei. Vorbei ist nur, dass Sie sie bemerken. Der andere bemerkt sie trotzdem: Sie antworten ihm eine Spur kürzer als sonst, sagen zweimal, es sei alles in Ordnung, und sagen die Verabredung am Freitag ab. Er weiß nicht, was los ist — nur, dass etwas los ist.

    Weg ist die Wut damit nicht. Wieder auftauchen kann sie dort, wo Sie keinen direkten Einfluss haben: in einem verspannten Nacken und einem angespannten Kiefer, in Fehlern, die Ihnen immer wieder unterlaufen, und in Traumszenen.

    Manchmal geht es um zwei Gefühle, die einander widersprechen. Man kann einen Menschen lieben und ihn zugleich hassen. Wenn Sie den Gedanken nicht ertragen, dass Sie einen Menschen, den Sie lieben, auch hassen können, lassen Sie tagsüber nur die Liebe gelten. Nachts träumen Sie dann womöglich, dass Sie ihn angreifen. Ein solcher Traum ist kein Urteil über Sie und kein Beleg dafür, dass Sie schlecht sind. Er ist ein Hinweis darauf, dass es ein Gefühl gibt, das Sie tagsüber nicht zulassen konnten.

    Was bedeutet es, wenn der Traum das Gegenteil des Tages zeigt?

    Der Schweizer Psychiater C. G. Jung sah im Traum einen Ausgleich für eine einseitige Haltung am Tag. Wer sich den ganzen Tag stark gibt und seine Angst nicht gelten lässt, verirrt sich vielleicht nachts im Traum oder wird verfolgt. Wer sich tagsüber ohnmächtig gefühlt hat, ist im Traum womöglich derjenige, der allen anderen sagt, was sie tun sollen.

    Ein solcher Traum verlangt aber nicht, dass Sie im Wachen tun, was Sie im Traum getan haben. „Im Traum bin ich weggelaufen, also muss ich auch in Wirklichkeit weglaufen“ — wer so deutet, macht aus dem Traum einen Befehl. Schauen Sie stattdessen beides zusammen an: wie Sie sich am Tag verhalten haben und was Sie im Traum gefühlt haben. Tag: In der Besprechung habe ich mitgelacht und gesagt, das sei kein Problem. Nacht: Ich habe in einem dunklen Flur eine Tür gesucht und bekam keine Luft. Als Befehl gelesen, hieße das vielleicht: „Ich muss kündigen.“ Ablesen lässt sich daraus etwas anderes: Am Tag habe ich den Gelassenen gegeben, aber gelassen war ich nicht.

    Worauf kommt es an, bevor Sie ein Traumsymbol nachschlagen?

    Wer häufigen Traumbildern wie einer Schlange oder Wasser eine feste Bedeutung gibt, macht sich das Deuten leicht. Richtiger wird es dadurch nicht. Nehmen Sie einen Hund im Traum: Den einen erinnert er an den Hund, der ihn durch die Kindheit begleitet hat, den anderen daran, dass er mit sechs Jahren gebissen wurde. Was ein Traumbild bedeutet, lässt sich deshalb nur mit Blick auf die Erfahrungen und die jetzige Lage des Menschen klären, der es geträumt hat.

    Manche Bilder gehören allerdings nicht nur Ihnen. Die Flut, der dunkle Wald, die Gestalt, die über Sie urteilt — solche Bilder kehren in Märchen und Mythen vieler Kulturen wieder. Jung erklärte das mit einer Schicht der Seele, die uns nicht bewusst ist. Diese Schicht stammt nicht aus der eigenen Lebensgeschichte, sondern ist bei allen Menschen ähnlich angelegt. Jung nannte sie das kollektive Unbewusste. Die Grundmuster darin, aus denen solche Bilder entstehen, nannte er Archetypen, wörtlich Urbilder. Aber nur weil in Ihrem Traum ein heftiges oder uralt wirkendes Bild vorkommt, ist es noch kein archetypischer Traum. Schauen Sie zuerst auf das Gefühl, das Sie in der Szene hatten, und auf die persönliche Erinnerung, die daran hängt.

    Wie schreiben Sie einen Traum auf, bevor Sie ihn deuten?

    Versuchen Sie nach dem Aufwachen nicht, aus dem Traum eine vollständige Geschichte zu machen. Schreiben Sie auf, was geblieben ist: Szene, Personen, Ort, Gefühl. Halten Sie dabei auseinander, was geschah und was Sie empfanden. Etwa so: „Dunkler Flur, ich suchte eine Tür“ — das ist das Geschehen. „Ich fühlte mich gehetzt und bekam kaum Luft“ — das haben Sie dabei empfunden.

    Überlegen Sie danach, wo Sie in letzter Zeit im Wachen etwas Ähnliches gefühlt haben. Schieben Sie eine Entscheidung im Beruf vor sich her, die längst ansteht? Haben Sie im Telefonat mit Ihrer Mutter wieder hinuntergeschluckt, was Sie ihr eigentlich sagen wollten? Das wiederkehrende Gefühl mit dem zu vergleichen, was Sie tatsächlich erlebt haben, ist verlässlicher und genauer, als dem Traum einen Sinn aufzuzwingen.

    Was, wenn ein weggeschobenes Gefühl nicht nachts kommt, sondern als Schwere am Tag?

    Fragt Sie jemand nach einer schweren Zeit, die hinter Ihnen liegt, sagen Sie, es sei nicht so schlimm gewesen. Und dann ist an einem Tag, an dem nichts Besonderes los ist, Ihr Körper schwer, und Sie bringen nichts in Gang. Das kann daran liegen, dass Sie die Erinnerung an jene Zeit gemieden haben und dabei auch die Angst und die Wut von damals nicht fühlen wollten. Verdrängung hilft Ihnen, weiter zu erledigen, was gerade ansteht. Verarbeitet sind die Gefühle damit aber nicht. Deshalb kann jene Zeit weit weg scheinen, während Ihr Körper angespannt bleibt und Ihnen der Antrieb fehlt.

    Man kann kaum gezielt nur die Trauer abschalten und alle anderen Gefühle behalten. Wer jedes Mal die Tränen hinunterschluckt, wenn ihm zum Weinen ist, und bei jeder Wut so tut, als wäre nichts gewesen, der spürt mit der Zeit womöglich alle Gefühle schwächer. Auch über etwas Schönes freut er sich dann nur wenig, und Lust auf irgendetwas kommt kaum noch auf.

    Gefühle sind keine Befehle, die Sie befolgen müssen, sondern Signale, die Ihnen etwas über Ihre Lage sagen. Angst lässt Sie prüfen, ob Sie in Sicherheit sind. Wut zeigt an, dass jemand eine Ihrer Grenzen überschritten hat. Trauer hilft Ihnen anzuerkennen, was Sie verloren haben. Wer diese Signale dauerhaft abschaltet, merkt auch nicht mehr, was er braucht.

    Nicht nur im Körper kann sich ein Gefühl von damals zeigen, sondern auch in Momenten, die scheinbar nichts damit zu tun haben. Ihr Kind macht einen kleinen Fehler, und Sie fahren es laut an. Das Kind wird still und geht in sein Zimmer, und abends entschuldigen Sie sich mit einem Satz, der Ihnen selbst zu dürftig vorkommt. Ein beiläufiger Scherz beim Feierabendbier beschäftigt Sie den ganzen Abend. An einem freien Samstag sacken Sie in sich zusammen, obwohl nichts vorgefallen ist. Wenn Ihre Reaktion viel größer ausfällt als der Anlass oder ganz ohne Anlass kommt, lohnt sich die Frage, ob dabei ein Gefühl von früher wieder wach geworden ist.

    Erklären lässt sich das so: Erinnerungen und Gefühle sind mit bestimmten Tonfällen, Gesichtsausdrücken und Situationen verknüpft. Begegnet Ihnen später etwas Ähnliches, melden sie sich wieder. In Ihrer Reaktion von heute kann dann beides zugleich stecken: das, was jetzt passiert ist, und das, was damals war.

    Was heißt es, ein Gefühl von damals anzunehmen?

    Ein Gefühl von damals anzunehmen heißt nicht, das Geschehene für in Ordnung zu erklären, zu verzeihen oder es noch einmal durchzumachen. Es heißt anzuerkennen, dass Ihr Gefühl damals berechtigt war, und ihm seinen genauen Namen zu geben: Damals hatte ich Angst. Ich war wütend, weil mir niemand geholfen hat.

    Wenn Sie das Gefühl benennen, wird auch klarer, was jetzt zu tun ist, und zwar für jedes Gefühl etwas anderes. Ist es Trauer, lautet die Frage: Wovon muss ich mich verabschieden? Ist es Wut: Wo muss ich eine Grenze ziehen und etwas sagen? Ist es Angst: Besteht die Gefahr von damals heute noch? Was vorher als unbestimmte Antriebslosigkeit auf Ihnen lag, zerfällt so in einzelne Fragen, mit denen Sie etwas anfangen können.

    Wann ist Deuten nicht der erste Schritt?

    Wenn Sie den Schlaf meiden, weil Sie die Träume fürchten; wenn Sie das Gefühl haben, den Anweisungen eines Traums folgen zu müssen; wenn sich auch im Wachen Traum und Wirklichkeit nicht mehr sicher auseinanderhalten lassen — dann versuchen Sie nicht, Ihre Träume allein zu ergründen. Nötig ist dann nicht, die Bedeutung eines Symbols zu suchen, sondern Schlaf und Alltag wieder in Ordnung zu bringen und sich fachliche Hilfe zu holen.

    Fachliche Hilfe brauchen Sie auch, wenn sich Schlaf und Appetit deutlich verändert haben, der Alltag nicht mehr funktioniert und kaum noch etwas Freude macht, und wenn das über längere Zeit so bleibt. Erklären Sie einen solchen Zustand dann nicht allein mit Verdrängung. Dahinter kann auch eine Depression stecken, eine körperliche Erkrankung oder die Wirkung von Medikamenten. Das muss ärztlich abgeklärt werden.

    Ein Traum sagt nicht voraus, was kommt. An ihm lässt sich ablesen, welches Gefühl Sie am Tag weggeschoben haben und welcher Konflikt Sie gerade beschäftigt. Dass Sie eine schwere Zeit vergessen wollten, war damals Ihr Weg, weiterzuleben. Jetzt geht es nicht darum, Erinnerungen mit Gewalt auszugraben. Es geht darum, in einem Tempo, das Sie aushalten, den Reaktionen Ihres Körpers und Ihren Gefühlen einen Namen zu geben. Das gilt auch für das Gefühl, das Sie bisher nicht zulassen konnten. Auch wenn die Erinnerung unscharf bleibt, können Sie sich um das kümmern, was Ihnen heute zu schaffen macht.


    Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

  • Sie sagen Ja und sind abends wütend auf sich selbst

    Freitag, kurz vor fünf. Eine Kollegin fragt, ob Sie die Präsentation übers Wochenende übernehmen könnten, sie schafft es nicht mehr. Sie hören sich „Ja, klar“ sagen, bevor Sie nachgesehen haben, was Sie am Wochenende eigentlich vorhatten.

    Abends sind Sie wütend. Nicht auf die Kollegin. Auf sich selbst.

    Sie wissen, wie man Nein sagt — warum sagen Sie trotzdem Ja?

    Wenn Sie eine Bitte nicht abschlagen können, liegt das nicht daran, dass Ihnen die Worte für ein Nein fehlen. Die Sätze kennen Sie, Sie könnten sie im Schlaf aufsagen. Was Sie hindert, sie auszusprechen, ist eine Befürchtung: Wenn ich Nein sage, stehe ich als egoistisch da. Wenn der andere sich ärgert, ist die Beziehung zu Ende. Deshalb sagen Sie nicht, wo Ihre Grenze verläuft. Und am Ende fühlen Sie sich sogar für die Enttäuschung des anderen verantwortlich.

    Wessen Sache ist die Enttäuschung, wenn Sie Nein sagen?

    Ob Sie eine Bitte erfüllen, ist Ihre Sache; dafür sind Sie zuständig. Was der andere fühlt, nachdem er ein Nein gehört hat, ist seine Sache: die Kränkung, der Ärger, das Enttäuschtsein sind Gefühle, die er selbst zu tragen hat.

    Wenn Sie nicht auseinanderhalten, was Ihre Sache ist und was seine, geben Sie immer wieder Ihre Zeit und Ihre Kraft her — nicht, weil Sie es wollen, sondern damit der andere nicht verstimmt ist. Deshalb sind Sie am Freitagabend auch nicht auf die Kollegin wütend; sie hat nur gefragt. Wütend sind Sie auf sich selbst, weil Sie zugesagt haben, ohne sich zu fragen, ob Sie das überhaupt wollen. Sie haben Ihr Wochenende hergegeben, um ihr eine Enttäuschung zu ersparen, die sie selbst hätte tragen können.

    Was meint das Wort Grenze, wenn nicht Abweisung?

    Eine Grenze ist keine Mauer, mit der man Menschen aussperrt. Das Wort meint etwas Nüchterneres: den Bereich, in dem Sie bestimmen und nicht der andere. Dazu gehört, was Sie denken und fühlen, wie Sie Ihre Zeit verbringen und was mit Ihrem Körper geschieht. Der andere darf Sie um etwas bitten, und Sie dürfen es ablehnen.

    Wenn Ihnen diese Grenze klar ist, schließen Sie nicht mehr sofort: Er ist verärgert, also habe ich etwas falsch gemacht. Dass er verärgert ist, ist das eine; ob Sie etwas falsch gemacht haben, ist eine zweite Frage, die Sie getrennt beantworten. Das gilt auch in der anderen Richtung: Wenn Ihnen etwas unangenehm ist, das der andere tut, heißt das noch nicht, dass er es böse mit Ihnen meint. In beiden Fällen können Sie auseinanderhalten, was jemand fühlt und was tatsächlich der Fall ist.

    Woher kommt es, dass sich die Erwartung anderer wie Ihre Pflicht anfühlt?

    Ein Kind merkt nach und nach, dass es ein eigener Mensch ist. Es erlebt nämlich immer wieder: Die Menschen, die es versorgen, haben eigene Wünsche. Das Kind hat Hunger, aber die Mutter möchte sich gerade ausruhen. Es will etwas, und der Vater sagt Nein. Das muss das Kind aushalten, und gerade dabei lernt es: Was ich will und was der andere will, sind zwei verschiedene Dinge. So bildet sich seine Grenze.

    Wenn Sie als Kind zu wenig lernen konnten, dass Ihre Wünsche und die Wünsche der anderen zwei verschiedene Dinge sind, fühlt sich später die Erwartung eines anderen an wie Ihre Pflicht. Bevor Sie sich fragen, was Sie selbst wollen, suchen Sie schon nach der Antwort, die ihm gefällt. Und wenn Sie lange so leben, stellen Sie sich irgendwann die Frage „Was will ich eigentlich?“ — und finden keine Antwort.

    Wenn es nach dem Nein unangenehm wird — lagen Sie dann falsch?

    Wenn Sie immer zugesagt haben und zum ersten Mal ablehnen, kann der andere irritiert oder gekränkt sein. Das ist kein Beweis, dass Ihre neue Grenze falsch ist. Es ist die Reibung, die entsteht, weil sich etwas ändert, woran Sie beide gewöhnt waren: dass Sie immer Ja gesagt haben.

    Eine tragfähige Beziehung hält nicht deshalb, weil eine Seite alles Unangenehme schluckt. Sie hält, weil beide die Grenzen des anderen kennen und sich daran anpassen. Reagiert jemand auf ein einziges Nein, indem er Sie herabsetzt oder droht, die Beziehung zu beenden, dann lohnt sich eine unbequeme Frage: Galt sein Respekt Ihnen als Mensch — oder nur dem, was Sie ihm alles abgenommen haben?

    Reicht ein kurzes, konkretes Nein, oder muss es ausführlich begründet sein?

    „Diese Woche geht es zeitlich nicht, ich kann das nicht übernehmen.“ „Diese Bemerkung ist mir unangenehm, bitte lassen Sie das.“ Mehr braucht ein Nein nicht: Sie sagen klar, was Sie nicht tun werden oder was der andere lassen soll.

    Meist tut man aber reflexhaft das Gegenteil: Man erklärt ausführlich, warum es gerade wirklich nicht geht, damit der andere es einsieht. Genau das erzeugt ein neues Problem. Sobald die Begründung im Raum steht, wird über sie verhandelt — der Termin ließe sich doch verschieben, am Sonntag hätten Sie doch Zeit. Sie besprechen dann nicht mehr Ihr Nein, sondern ob Ihre Gründe gut genug sind.

    Wenn es Ihnen noch zu schwerfällt, eine große Bitte abzulehnen, fangen Sie mit kleinen Entscheidungen an. Auf eine Nachricht nicht sofort antworten, sondern sich Zeit nehmen. Beim Essengehen sagen, worauf Sie keine Lust haben. Nicht sagen „Wann immer es dir passt“, sondern nur die Zeiten anbieten, die Ihnen selbst passen. Eine Grenze entsteht nicht dadurch, dass Sie sich innerlich etwas vornehmen. Deutlich wird sie erst durch das, was Sie tatsächlich tun, und zwar immer wieder.

    Was tun Sie, wenn das schlechte Gewissen trotzdem kommt?

    Nach einem Nein kann ein schlechtes Gewissen kommen. Das heißt nicht, dass das Nein falsch war. Dieses Schuldgefühl stammt aus der langen Gewohnheit, die Zufriedenheit anderer für Ihre Aufgabe zu halten. Sie müssen deshalb nicht warten, bis das Schuldgefühl verschwunden ist, bevor Sie eine Grenze setzen. Halten Sie die Grenze, die Sie gezogen haben, auch dann, wenn das Schuldgefühl noch da ist.

    Wenn Sie sich lange zurückgenommen haben, um niemanden zu verlieren, kann sich der erste Versuch, eine Grenze zu setzen, wie ein Streit anfühlen — auch dann, wenn niemand streitet. Dieses Gefühl ändert sich erst durch die Erfahrung: Sie entscheiden anders, als der andere es möchte, und sind danach trotzdem kein schlechter Mensch. Wenn Sie das oft genug erlebt haben, können Sie endlich auseinanderhalten, was Sie selbst wollen und was andere von Ihnen verlangen.

    Ist es nur eine Angewohnheit, wenn jemand Ihre Grenze übergeht, obwohl Sie sie ausgesprochen haben?

    Bis hierher ging es darum, dass Sie Ihre Grenze nicht aussprechen. Jetzt der andere Fall: Sie haben sie ausgesprochen, und jemand geht trotzdem darüber hinweg. Jemand öffnet Ihre Zimmertür, ohne anzuklopfen. Jemand schaut in Ihr Handy, obwohl Sie gesagt haben, dass Sie das nicht möchten. Jemand fragt weiter nach etwas, worüber Sie nicht sprechen wollen. Einmal einen Fehler machen und es dann lassen ist das eine. Weitermachen, obwohl Sie mehrmals darum gebeten haben, es zu lassen, ist etwas anderes.

    Wenn sich das wiederholt, ist es keine harmlose Angewohnheit mehr. Wer Sie anfassen, Ihr Zimmer betreten, in Ihr Handy schauen oder Sie über etwas ausfragen will, worüber Sie nicht sprechen möchten, braucht dafür Ihr Einverständnis. Denn Ihr Körper, Ihr Raum und das, was Sie von sich erzählen, gehören zu dem Bereich, über den Sie selbst bestimmen. Das gilt auch für Menschen, die Ihnen sehr nahestehen: Dass jemand Ihre Mutter ist oder seit zwölf Jahren neben Ihnen einschläft, ersetzt Ihr Einverständnis nicht. Wer immer wieder über Ihr Nein hinweggeht, nimmt Ihnen nicht nur ein bisschen Ruhe. Er nimmt Ihnen die Entscheidung.

    Warum tut jemand so etwas? Manche fühlen sich verlassen, sobald Sie ihnen sagen, dass Sie eine Weile für sich sein möchten. Diese Angst, verlassen zu werden, halten sie schwer aus. Statt mit ihr zurechtzukommen, öffnen sie Ihre Tür und schauen in Ihr Handy, um sich zu vergewissern, dass die Verbindung zu Ihnen noch da ist. So wollen sie am Ende sogar bestimmen, wie viel Abstand Sie zu ihnen halten dürfen. Andere erledigen ungefragt Dinge für Sie und nennen es Hilfe. Dass jemand Angst hat, ist verständlich — es rechtfertigt den Übergriff nicht. Auch bei guter Absicht gilt: Wo Ihnen die Entscheidung abgenommen wird, ist aus Hilfe Kontrolle geworden.

    Vielleicht fragen Sie sich an dieser Stelle, ob der andere eine Persönlichkeitsstörung hat. Aus einem einzelnen Verhalten lässt sich das nicht ablesen. Dass jemand launisch ist, impulsiv reagiert oder oft Streit hat, kann viele Gründe haben: zu wenig Schlaf, eine Depression, Ängste, traumatische Erfahrungen, körperliche Beschwerden. Wichtiger als ein Krankheitsname ist, was sich wiederholt. Seine Meinung ändern darf jeder: Was man gestern erlaubt hat, darf man heute ablehnen. Etwas anderes ist es, wenn Sie beide etwas vereinbart haben, zum Beispiel, dass er anklopft, und er sich einseitig darüber hinwegsetzt, obwohl Sie Nein sagen. Dann gehört auf den Tisch, was dieses Verhalten in Ihrer Beziehung anrichtet.

    Gehört zu einer Grenze auch, was Sie tun, wenn sie überschritten wird?

    Wenn jemand immer wieder über Ihre Grenze hinweggeht, reicht „Bitte mach das nicht“ nicht mehr. Denn damit bleibt die Entscheidung beim anderen: Er kann es lassen, er kann es auch weiter tun. Vollständig wird eine Grenze erst, wenn sie enthält, was Sie tun, falls sie überschritten wird: „Wenn du ohne Anklopfen hereinkommst, schließe ich die Tür ab.“ „Wenn du anfängst zu schreien, breche ich das Gespräch ab und gehe.“

    Das ist keine Drohung und keine Strafe, sondern ein Schritt, mit dem Sie sich schützen. Schützen kann er Sie aber nur, wenn Sie ihn auch tun. Kündigen Sie deshalb lieber etwas Kleines an, das Sie tatsächlich ausführen, als etwas Großes, das Sie nicht halten können. Und wenn es immer wieder vorkommt: Schreiben Sie auf, wann was passiert ist, und bitten Sie Menschen in Ihrem Umfeld um Unterstützung.

    Man denkt leicht: Wenn ich es ihm nur gut genug erkläre, wird er es verstehen. Vielleicht erklären Sie deshalb dasselbe wieder und wieder. Wenn Sie es aber schon mehrfach deutlich gesagt haben und er trotzdem weitermacht, dann fehlt keine Erklärung. Dann erkennt der andere Ihr Recht nicht an, selbst zu entscheiden. Ab diesem Punkt kommen Abstand und Ihre Sicherheit zuerst, noch vor jedem weiteren Gespräch.

    Wenn jemand Ihnen nachstellt, Ihnen droht, Sie körperlich bedroht oder Ihr Geld kontrolliert, versuchen Sie nicht allein, ihn umzustimmen. Das ist nichts mehr, worüber man in Ruhe spricht; dieses Verhalten muss zuerst aufhören. Sagen Sie es Menschen, denen Sie trauen, und einer Fachstelle. Und sorgen Sie dafür, dass diese Person nicht mehr ohne Weiteres an Sie herankommt.

    Denn der Zweck einer Grenze ist nicht, den anderen zu ändern. Er besteht darin, Sie zu schützen, auch wenn der andere sich nicht ändert.


    Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

  • Tagsüber freundlich, abends gereizt — wohin die geschluckte Wut geht

    Im Büro sind Sie den ganzen Tag über freundlich geblieben. In der Besprechung wurde Ihr Vorschlag übergangen, Sie haben genickt. Abends fragt Ihr Partner nur, ob Sie daran gedacht haben, etwas mitzubringen — und Ihre Antwort fällt schärfer aus, als die Frage es verdient hätte.

    Danach denken Sie vielleicht: Ich bin einfach müde. Aber auch an anstrengenden Tagen bekommt im Büro niemand diesen Ton zu hören. Der Mensch, mit dem Sie zusammenleben, kennt ihn gut.

    Warum kommt Ihr Ärger ausgerechnet zu Hause heraus?

    Im Büro oder im Verein ist festgelegt, welche Rolle jeder hat und wie nah man einander kommt. Dort müssen Sie nicht zeigen, wie es Ihnen wirklich geht; im Umgang mit Kollegen und Bekannten reicht Freundlichkeit aus. In nahen Beziehungen, mit Ihrem Partner oder Ihren Kindern, ist das anders: Dort sind Sie auf den anderen angewiesen, und er kann Sie verletzen. Wo Sie verletzt werden können, schützen Sie sich, und zwar so, wie Sie es schon früh im Leben gelernt haben. Deshalb zeigt sich diese alte Abwehr zu Hause stärker als anderswo. Sieht der andere etwas anders als Sie, kann sich das schnell wie ein Angriff anfühlen, und Sie wehren sich: Sie fallen ihm ins Wort, übergehen, was er sagt, oder antworten schärfer, als Sie wollen.

    Wer Sie nur von außen kennt, hält Sie für geduldig und umgänglich. Das ist nicht falsch. Aber das gute Urteil der anderen macht den scharfen Ton nicht ungeschehen, den Ihr Partner zu Hause abbekommt. Wer wissen will, wie ein Mensch ist, muss beides ansehen: die Freundlichkeit draußen und den Ton zu Hause.

    Wie kann eine Regel schneller sein als Ihr Gefühl?

    Wenn ein Kind immer wieder Sätze hört wie „Ein liebes Kind wird nicht wütend“ oder „Wer von seinen Eltern enttäuscht ist, ist ein schlechtes Kind“, dann zensiert es sich später selbst, sobald Ärger oder Kränkung in ihm aufsteigen. Noch bevor es das Gefühl aussprechen kann, steht schon fest: So darf ich nicht empfinden.

    Wenn Sie so aufgewachsen sind, gilt diese Regel auch später noch, wenn Sie längst erwachsen sind: Ein guter Mensch wird nicht wütend. Diese Regel meldet sich schneller als das Gefühl, und so lassen Sie die Wut gar nicht erst als Wut gelten. Verschwunden ist die Wut damit aber nicht; sie kann auf anderen Wegen herauskommen. Vielleicht bleibt Ihr Körper angespannt, und schon eine harmlose Frage bringt Sie auf, so wie am Abend die Frage Ihres Partners. Vielleicht gehen Sie dem Menschen aus dem Weg, über den Sie sich geärgert haben, und reden hinterher über ihn statt mit ihm. Oder Sie halten lange still und explodieren dann plötzlich.

    Ist Schweigen schon Zustimmung?

    Dass niemand laut wird, heißt noch nicht, dass Sie mit Ihrem Gegenüber wirklich gesprochen haben. Sie nicken, widersprechen nicht, sagen aber auch nicht, was Sie selbst denken — und danach ändert sich an Ihrem Verhalten nichts. Für den anderen bleibt offen, was eigentlich vereinbart wurde.

    Nach außen bleibt es ruhig, aber was der andere sagt, lassen Sie nicht an sich heran. Diese stille Sturheit hält sich lange, weil sie keinen sichtbaren Streit erzeugt. Es gibt kaum Reibung, und deshalb haben auch Sie selbst keinen Anlass, einmal zu prüfen, wie Sie mit dem anderen umgehen. Für Sie fühlt sich das Schweigen wie Ruhe an. Beim anderen kommt es als Zurückweisung an: Er redet weiter und bleibt dabei allein.

    Warum verlieren Sie auch den Antrieb, wenn Sie die Wut wegdrücken?

    Die Wut wegzudrücken schadet nicht nur der Beziehung. Wer Ärger sofort als etwas Schlechtes unterdrückt, sagt danach manchmal auch das nicht, was gesagt werden müsste, und verliert die Lust, etwas Neues anzufangen. Beides hat denselben Grund: Nein sagen, sich entscheiden, sich im Wettbewerb behaupten — für all das brauchen Sie eine Kraft, die nach außen drängt. Es ist dieselbe Kraft, die sich in Ihrer Wut meldet. Mit der Wut drücken Sie also auch diese Kraft weg.

    In der Psychoanalyse heißt diese Kraft Aggression, und das Wort meint dort nicht nur Gewalt. Es kommt vom lateinischen aggredi: auf etwas zugehen, an etwas herantreten — nicht: es zerstören. Gemeint ist die lebendige Kraft, mit der Sie auf das zugehen, was Sie wollen, ein Hindernis beiseiteschieben und sich selbst schützen. Genau sie fehlt, wenn Sie „klar, mach ich“ sagen, obwohl Sie nein meinen. Deshalb besteht die Aufgabe nicht darin, diese Kraft loszuwerden, sondern darin, sie so zu benutzen, dass Sie für Ihr Handeln geradestehen können.

    Um diese Kraft nutzen zu können, müssen Sie sich allerdings zuerst ausruhen dürfen. Wie das aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus der Therapie: Ein erschöpfter Mensch schläft in der Stunde ein oder kann eine Zeit lang nichts sagen. Das ist dort kein Versäumnis. Nicht immer, aber manchmal braucht ein Mensch genau das zuerst: die Erfahrung, dass er nichts leisten muss, nicht bewertet wird und die Beziehung zum Therapeuten trotzdem hält.

    Das gilt auch außerhalb der Therapie: Beim Ausruhen lässt die Anspannung im Körper nach, und Sie spüren sich wieder. Wer nicht ausgeruht ist und trotzdem immer weiter zum Handeln gedrängt wird, handelt nicht mehr aus eigenem Antrieb, sondern erfüllt nur eine weitere Pflicht. Deshalb kommt das Ausruhen zuerst, noch bevor Sie versuchen, Ihre Wut in Worte zu fassen.

    Was ändert der Satz „Ich bin auch wütend“?

    Wer gelernt hat, dass Wut Beziehungen zerstört, gibt nicht zu, dass er wütend ist. Stattdessen meint er schnell, im Gesicht und im Tonfall des anderen Feindseligkeit zu sehen. Dann geht er vorsorglich in Abwehr oder zieht sich zurück. Es kommt ihm vor, als läge alle Aggression beim anderen und keine bei ihm selbst. Die Psychoanalyse nennt das Projektion: Ein Gefühl, das man bei sich selbst nicht zulassen kann, erlebt man als Eigenschaft des anderen.

    Wenn Sie zugeben, dass auch Sie wütend sind, wird der andere dadurch nicht unschuldig. Es ändert etwas anderes: Sie können nun getrennt betrachten, wie groß die tatsächliche Bedrohung ist und wie stark Ihr eigenes Gefühl gerade ist. Und erst dann entsteht der Spielraum, die Wut mit einem Nein und mit Abstand auszudrücken statt mit Beleidigung oder Gewalt.

    Sie können auf einen Menschen, der Ihnen nahesteht, wütend sein und ihn im selben Moment weiter liebhaben. Wenn Sie beides zugleich aushalten, greifen Sie nicht die ganze Person an — du bist unerträglich —, sondern verlangen etwas Bestimmtes: Hör mit diesem Verhalten auf. Und wenn nach der Wut das schlechte Gewissen kommt, können Sie wiedergutmachen, was Sie falsch gemacht haben, und die Beziehung wieder in Ordnung bringen.

    Wut kann auch den Drang enthalten, etwas kaputtzumachen. Ihre Aggression als Teil von Ihnen anzunehmen, statt sie wegzusperren, heißt nicht, diesen Drang schönzureden. Es heißt, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Sie diese Kraft einsetzen, um Grenzen zu ziehen, etwas Neues zu schaffen und wiedergutzumachen, was Sie in der Wut beschädigt haben.

    Was können Sie in dem Moment tun, bevor aus dem Impuls ein Satz wird?

    Achten Sie darauf, was in Ihrem Körper passiert, wenn die Gereiztheit hochkommt: Der Kiefer spannt sich an, die Stimme wird lauter. Spätestens dann, bevor Sie losschimpfen oder alles herunterschlucken, ist der Moment für zwei Fragen: Welche Grenze wurde gerade überschritten, und was müsste ich verlangen?

    Dass Sie sich übergangen gefühlt haben, ist eine Tatsache. Ob der andere Sie tatsächlich übergehen wollte, ist eine Frage, die noch zu klären ist. Wer beides auseinanderhält, kann sprechen, ohne anzugreifen. Statt „Du übergehst mich immer“ sagen Sie, was geschehen ist und was es in Ihnen auslöst: „Wenn der Fernseher weiterläuft, während ich dir etwas erzähle, habe ich das Gefühl, dass dir nicht wichtig ist, was ich sage, und das kränkt mich.“

    Wenn Sie möchten, dass der andere etwas ändert, gehört eine Bitte dazu, und zwar so formuliert, dass er sie erfüllen kann: „Kannst du den Fernseher für die zehn Minuten ausschalten, in denen wir darüber reden?“ Der andere darf diese Bitte ablehnen oder etwas anderes vorschlagen.

    Ist das Gefühl zu stark, sprechen Sie besser nicht sofort. Gehen Sie aus dem Raum — aber sagen Sie, wann Sie darauf zurückkommen. Durchatmen, spazieren gehen, aufschreiben, was Sie fühlen — und dann zurück ins Gespräch.

    Wut gibt Ihnen keine Erlaubnis für alles, was Sie in der Wut tun möchten. Dass Sie etwas fühlen, ist weder richtig noch falsch; wie Sie es ausdrücken, dafür tragen Sie die Verantwortung. Ein Gefühl gibt niemandem das Recht, etwas zu werfen oder jemanden zu schlagen. Wenn Sie merken, dass Sie sich nicht mehr im Griff haben, verlassen Sie die Situation und holen Sie sich Hilfe. Und wo Gewalt oder Drohung im Spiel sind, kommen zuerst Abstand und Hilfe — nicht das offene Gespräch.

    Und wenn Sie die Person sind, die zu Hause den scharfen Ton abbekommt?

    Wechseln wir die Seite: Angenommen, Sie drücken die Wut nicht weg, sondern bekommen die Wut eines anderen ab. Zu verstehen, warum jemand ausgerechnet zu Hause scharf oder kalt wird, hilft Ihnen, sein Verhalten weniger persönlich zu nehmen. Verstehen heißt aber nicht entschuldigen, und Sie sind nicht verpflichtet, dieselbe Verletzung immer wieder einzustecken. Wenn der andere Sie immer wieder übergeht, schweigt und herabsetzt, müssen Sie konkret sagen, welches Verhalten Sie nicht hinnehmen.

    „Reg dich nicht so auf“ ist dafür zu ungenau. Deutlicher ist ein Satz, der beides nennt: die Grenze und das, was Sie tun, wenn sie überschritten wird. Zum Beispiel: „Wenn du rausgehst, während ich rede, hören wir an dieser Stelle auf, und ich komme später darauf zurück.“ So ist klar: Mit dem Hinausgehen ist das Thema nicht erledigt. Ob der andere wirklich etwas ändern will, erkennen Sie nicht an seinen Erklärungen, sondern an dem, was er immer wieder tut.

    Erkennen Sie in diesem Text nur den anderen wieder?

    Wenn Sie diesen Text nur als Checkliste benutzen, um jemand anderen damit zu diagnostizieren, wiederholt sich dasselbe Problem: Auch Sie verschließen sich dann vor dem Menschen, der Ihnen nahesteht. Prüfen Sie deshalb auch sich selbst: Stand Ihr Urteil schon fest, bevor der andere zu Ende gesprochen hatte? Haben Sie Ihre Kränkung nicht ausgesprochen und darauf gewartet, dass man sie Ihnen ansieht?

    Nähe heißt nicht, alles zu ertragen, und ebenso wenig, alles offenzulegen. Sie heißt, dass Sie einander sagen können, wo Sie verschiedener Meinung sind, dass Sie das unangenehme Gefühl des anderen anhören und danach Ihr Verhalten anpassen. Um ein guter Mensch zu sein, müssen Sie Ihre Gefühle nicht zum Schweigen bringen. Und was ein Mensch in Beziehungen kann, zeigt sich weniger an seinem Ruf draußen als daran, wie er Konflikte mit den Menschen austrägt, die ihm am nächsten stehen.


    Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

  • Wenn Sorge in Groll umschlägt und Sie trotzdem bleiben

    Sie rufen beim Arbeitgeber Ihres Partners an und sagen, er habe sich etwas eingefangen. Abends überweisen Sie Geld auf sein Konto, damit die Lastschrift nicht zurückgeht. Beim Geburtstag in der Familie sagen Sie, es sei gerade eine anstrengende Phase. Von außen sieht das nach Loyalität aus, und zum Teil ist es das auch.

    Auf der Rückfahrt kommt dann ein Satz, den Sie niemandem sagen würden: Wie lange soll das noch so gehen? Und manchmal ein zweiter, vor dem Sie selbst erschrecken — dass es leichter wäre, wenn es diesen Menschen nicht mehr gäbe. Dieser Gedanke heißt nicht, dass aus Ihnen ein schlechter Mensch geworden ist. Er kann das Ergebnis davon sein, dass Sie ein Signal sehr lange überhört haben: dass Sie müde sind und selbst Hilfe bräuchten.

    Warum man das Co-Abhängigkeit nennt

    Hinter dem Einspringen steht oft eine Überzeugung, die man selten laut ausspricht: Wenn ich diesen Menschen ändere, bin ich jemand, den man braucht. Für diese Art von Beziehung gibt es einen Namen — Co-Abhängigkeit.

    Der eine ist abhängig: vom Trinken, vom Spielen, von einem Verhalten, das er nicht ändert — und die Schulden wachsen mit. Sie sind nicht vom Stoff abhängig, sondern von seinem Zustand: Trinkt er, haben Sie versagt. Geht es ihm besser, werden Sie unruhig — weil Sie fürchten, dann nicht mehr gebraucht zu werden. Der Name meint diese Verkopplung: Erst wenn Sie sein Problem lösen, entsteht Ihr Wert.

    Wenn er sich nicht ändert, denken Sie, Ihr Einsatz sei noch nicht groß genug gewesen, und übernehmen mehr. Aber die Ausreden, das Vertuschen und das Begleichen der Schulden bewirken etwas, das Sie nicht beabsichtigen: Er erlebt die Folgen seines eigenen Verhaltens nicht. Sie glauben zu helfen und nehmen ihm dabei den Grund weg, aus dem Menschen etwas ändern.

    Ein Prüfstein: Stellen Sie sich vor, dieser Mensch wäre morgen vollständig gesund. Wenn das Erste, was kommt, nicht Freude ist, sondern Leere, dann lohnt sich die Frage, ob die sorgende Rolle inzwischen ausmacht, wer Sie sind.

    Fürsorge, zu der Sie nicht Nein sagen durften, wird zu Groll

    Etwas Ähnliches kann auch ohne Sucht entstehen — aus einem anderen Grund. Sie fahren jedes Wochenende zu Ihrer Mutter, Sie regeln die Termine, Sie tragen die Kosten allein, und Sie sagen nicht, dass Sie nicht mehr können. Denn eine Absage hieße: In der Familie sind Sie dann die Person, die ihre Mutter allein lässt.

    Was Sie über Ihre Kräfte hinaus übernehmen, bleibt nicht bei Müdigkeit. Müdigkeit, die niemand hört, wird zu Groll, und Groll, den Sie nicht aussprechen, richtet sich am Ende gegen den Menschen selbst, um den Sie sich kümmern. Irgendwann genügt sein Anblick, damit es in Ihnen eng wird.

    Das Problem ist nicht die Rücksicht. Das Problem ist Rücksicht ohne Wahl. Fürsorge, bei der Sie nicht ablehnen konnten, lässt sich nicht lange durchhalten, und sie verwischt den Unterschied zwischen dem, was Sie aus Liebe tun, und dem, was Sie tun, um als guter Mensch dazustehen.

    Eine Hilfe, deren Preis nicht genannt wurde, kommt als Schuld an

    Etwas zu erwarten ist noch keine Manipulation. Zwischen Menschen gibt es eine selbstverständliche Gegenseitigkeit: Wer einen Freund gestützt hat, darf hoffen, dass der an einem schlechten Tag zuhört. Zu sagen, was man möchte, und sich darüber zu verständigen, ist in Ordnung.

    Schwierig wird es, wenn der Preis nicht ausgesprochen, sondern innerlich verbucht wird. In Ihnen entsteht der Satz: Nach allem, was ich getan habe, könnte er wenigstens auf mich hören. Beim anderen kommt Ihre Hilfe dann nicht als Geschenk an, sondern als Schuld, die zurückzuzahlen ist.

    Vor dem Helfen lassen sich drei Dinge klären: ob der andere diese Hilfe überhaupt will, ob Sie es aushalten, wenn er ablehnt, und — falls Sie etwas zurückerwarten — ob Sie es jetzt schon aussprechen können. „Ich nehme diese Woche die Kinder, übernimmst du nächste Woche?“ ist keine Berechnung. Es ist der Satz, der beiden die Wahl lässt.

    Warum Sie bleiben, obwohl Sie längst wissen, wie es weitergeht

    Was eine solche Beziehung hält, ist nicht nur Liebe. Wenn Sie das Alleinsein fürchten, sorgen Sie zuerst dafür, dass überhaupt jemand da ist — und prüfen erst danach, ob dieser Jemand Sie achtet. Ist er freundlich, sind Sie den ganzen Tag jemand, der etwas wert ist; wird er kühl, jemand, den man stehen lässt. Bleibt die Antwort auf eine Nachricht aus, zieht sich etwas in der Brust zusammen, und Sie liegen nachts wach; kommt sie dann doch, sind Sie erleichtert, obwohl sich nichts geändert hat. Wenn Ihr Wert jeden Tag neu von seiner Laune abhängt, hören Sie auf zu prüfen, wie die Beziehung ist; dann zählt nur noch, dass sie besteht.

    Dazu kommt der Anfang. Je stärker die Aufmerksamkeit und die Zärtlichkeit am Anfang waren, desto eher bleibt dieses Bild als der eigentliche Mensch in Erinnerung, und Sie beurteilen ihn nicht nach dem, was er heute tut, sondern danach, wie er damals war.

    Je mehr Sie schon gegeben haben, desto teurer wird das Gehen

    Wer lange durchgehalten hat, empfindet das Aufhören so, als wäre damit auch alles Frühere umsonst gewesen. Dass Sie viel hineingesteckt haben, ist aber kein Grund, denselben Verlust weiter zu tragen. Die Frage ist nicht, wie lange Sie es ausgehalten haben, sondern wie wahrscheinlich es ist, dass dasselbe sich wiederholt: Folgt auf die Entschuldigung eine konkrete Änderung? Schiebt er die Verantwortung auf andere? Sucht er die Behandlung oder Hilfe, die er braucht, von sich aus?

    Warum eine ruhige Beziehung sich falsch anfühlt

    Wenn Sie schon als Kind auf die Stimmung geachtet, Ärger vermieden und Probleme stellvertretend gelöst haben, hat Ihr Körper für eine Beziehung, in der wieder jemand zu versorgen ist, bereits eine Rolle. In einer ruhigen Beziehung werden Sie eher unruhig, weil Sie nicht wissen, was Sie tun sollen — und greifen eher nach dem, was vertraut ist. So kann eine Beziehung, die Sie bewusst gewählt haben, im Aufbau der Familie von damals gleichen: Der Satz des Partners klingt wie der Vorwurf des Vaters (dazu der Text über Projektion), und in dem Drängen, diesen Menschen zu ändern, steckt der Wunsch, eine alte Geschichte diesmal doch noch in Ordnung zu bringen.

    Nicht netter werden, sondern neu verteilen

    Der Gedanke „Wenn ich nur bis zum Schluss durchhalte, löst sich alles“ sieht aus wie echte Fürsorge. Er kann aber auch bedeuten, dass Sie die Grenze Ihrer eigenen Kräfte nicht anerkennen — und daran ändert sich nichts dadurch, dass Sie noch etwas netter werden. Es ändert sich, wenn Sie aufschreiben, was tatsächlich geht: wie viele Besuche in der Woche, welcher Betrag im Monat, was andere in der Familie übernehmen und was ein ambulanter Pflegedienst übernehmen kann. Eine Grenze ist hier nichts Feierliches, sie ist eine Zahl — und sie hält die Fürsorge in Gang: Bricht der eine zusammen, hört sie für beide auf. Der Satz „So viel kann ich leisten“ muss vor dem Satz „Ich kann nicht mehr“ kommen.

    Von außen kommt an dieser Stelle oft nur ein Rat: Machen Sie Schluss. Wird allein das verlangt, kann die Angst sogar größer werden. Sagen Sie einem Menschen, dem Sie trauen, wie es wirklich steht. Legen Sie fest, wen Sie nachts anrufen können. Sorgen Sie dafür, dass mehrere verlässliche Beziehungen Sie tragen statt einer einzigen — das nimmt dem Klammern an diesen einen Menschen seine Kraft.

    Wo es Drohung, Gewalt oder finanzielle Kontrolle gibt, gilt etwas anderes zuerst: Sicherheit und Hilfe von außen — noch vor jedem Gespräch und vor jeder Deutung dieser Beziehung.

    Sich zu distanzieren oder zu gehen heißt nicht, dass keine Liebe da war. Es heißt, die Rolle abzulegen, in der Sie nur dann wertvoll sind, wenn Sie diesen Menschen retten. Wenn Sie zurücknehmen, was Sie über Ihr Maß hinaus übernommen haben, und die Verantwortung teilen, wird auch der Wunsch kleiner, dieser Mensch möge verschwinden. Nötig ist nicht, noch besser zu werden, sondern das Maß zu halten, das Sie lange tragen können.


    Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

  • Vor anderen aufgedreht, zu Hause leer

    Der Abend war gut. Sie haben erzählt, Sie haben gelacht, jemand hat beim Abschied gesagt, mit Ihnen sei es immer lustig. Dann fällt zu Hause die Tür zu, und nach zwei Minuten ist nichts mehr da. Keine Freude, kein Ärger, keine Traurigkeit. Was Sie an diesem Abend gewollt haben, könnten Sie nicht sagen.

    Ähnlich geht es Menschen, die immer lächeln und keine Bitte abschlagen, damit andere sie für nett halten. Nach außen kommen sie mit allen gut aus. Sobald sie allein sind, können sie kaum sagen, was sie eigentlich mögen. Sie sind erschöpft und wissen nicht einmal, wovon. Der Grund: Wer über Jahre zuerst darauf achtet, wie die anderen reagieren, hat nie geübt, bei sich selbst nachzusehen, was er fühlt und braucht.

    Der Rat, sich selbst zu lieben, klingt für solche Menschen vage. Das liegt nicht daran, dass sie kein eigenes Ich hätten, das sie lieben könnten. Es liegt an der Angst, von den anderen fallengelassen zu werden, sobald sie zeigen, was sie wirklich empfinden. Diese Angst macht es ihnen schwer, die eigene Stimme überhaupt zu hören, also zu merken, was sie selbst wollen und fühlen.

    Kommt es darauf an, wie laut Sie lachen — oder darauf, was zu Hause davon übrig bleibt?

    Nicht jeder, der laut ist, ist innerlich leer; wie stark jemand sich ausdrückt, hängt von Temperament und Situation ab. Worauf es ankommt, ist der Unterschied zwischen vorher und nachher: vor Leuten aufgedreht, zu Hause kein Gefühl mehr. Wiederholt sich das, drückt das laute Lachen womöglich nicht nur Freude aus. Es kann auch dazu dienen, sich selbst ständig aufgedreht zu halten, damit man die Leere nicht spürt.

    Wenn die eigenen Gefühle blass sind und man sich selbst kaum spürt, bringen lautes Lachen, Alkohol und die Aufmerksamkeit der anderen den Körper auf Touren. Das Herz schlägt schneller, die Leute reagieren, und für einen Moment entsteht das Gefühl: Ich bin da. Der Haken liegt im Danach. Lachen, Alkohol und Aufmerksamkeit sind starke Reize, aber an den eigenen Gefühlen, die man vorher kaum gespürt hat, ändern sie nichts. Sobald die Reize nachlassen, kehrt die Leere zurück. Beim nächsten Treffen braucht es lauteres Lachen und mehr Aufmerksamkeit, damit sich dieses „Ich bin da“ wieder einstellt. So entsteht ein Kreislauf, in dem nur die Reize immer stärker werden.

    Übertriebene Munterkeit kann Depression und das Gefühl, nichts wert zu sein, verdecken. Manche Menschen zeigen nach außen genau das Gegenteil des Gefühls, das sie kaum aushalten: Wer sich nicht hilflos fühlen will, gibt sich übertrieben stark; wer ein Gefühl der Minderwertigkeit verbergen will, spielt sich groß auf. In der Psychoanalyse heißt es Abwehr, wenn ein Gefühl, das man kaum aushält, auf diese Weise zugedeckt wird. Dieses Verhalten lässt sich auf zwei Arten verstehen. Als Reaktionsbildung: Man zeigt das Gegenteil dessen, was man fühlt. Oder als manische Abwehr: Man hält sich in Hochstimmung und Betriebsamkeit, damit Traurigkeit und das Gefühl, nichts wert zu sein, gar nicht erst aufkommen.

    Trotzdem darf man aus einer fröhlichen Art allein nicht auf eine versteckte Depression schließen. Und wer deutlich weniger schläft und trotzdem nicht müde ist, plötzlich viel mehr redet und unternimmt, impulsiv Geld ausgibt oder Risiken eingeht, sollte darin nicht einfach einen Charakterzug sehen. Hier ist zuerst eine fachliche Abklärung nötig, ob eine Manie oder deren mildere Form, eine Hypomanie, vorliegt.

    Ist jede angepasste Miene schon eine Maske?

    Sich je nach Situation anders zu verhalten, ist eine normale soziale Fähigkeit. Wenn Sie im Büro nicht jedes Gefühl aussprechen, das in Ihnen aufsteigt, und höflich bleiben, muss Ihnen das niemand als Maske vorwerfen. Das Problem beginnt woanders: wenn Sie die freundliche, gut gelaunte Rolle bei keinem Menschen mehr ablegen können und der Unterschied zwischen dem, was Sie innerlich fühlen, und dem, was Sie nach außen zeigen, dauerhaft wehtut.

    Diese Rolle muss keine Lüge und keine Verstellung sein. Oft hat man sie schon als Kind gelernt, weil man bei den Menschen, auf die man angewiesen war, nur mit ihr sicher war.

    Warum achten manche Kinder zuerst auf das Gesicht der Eltern und erst dann auf ihr eigenes Gefühl?

    Ein Kind, das keine Szenen macht, nicht sagt, was es braucht, und zuerst auf die Stimmung der Erwachsenen achtet, wird oft gelobt. Es lohnt sich aber, genau hinzusehen: Ist das Kind von Natur aus ruhig? Oder hält es sich zurück, weil es fürchtet, ausgeschimpft zu werden oder den Eltern zur Last zu fallen, wenn es etwas verlangt?

    Im zweiten Fall liest das Kind im Gesicht der Eltern, wie es ihnen geht, noch bevor es merkt, was es selbst braucht. Es hat Hunger und sagt es den beschäftigten Eltern nicht; es ist gekränkt und lächelt, damit die Stimmung am Tisch nicht kippt. Dass dieses Kind so vernünftig wirkt, ist dann keine Reife, sondern Anpassung: Es hält sich zurück, damit die Beziehung zu den Eltern nicht in Gefahr gerät. Wurde ein Kind ausgeschimpft, wenn es wütend war, und galt es als schwach, wenn es traurig war, lernt es: Sicher bin ich nur mit dem fröhlichen, vernünftigen Gesicht. In der Kindheit hat dieses Gesicht es geschützt. Im Erwachsenenleben kann genau dieses Gesicht im Weg stehen: Wer gelernt hat, nur das fröhliche Gesicht zu zeigen, tut sich schwer, um Hilfe zu bitten, und lässt andere kaum an sich heran.

    Manche Kinder müssen die Stimmung zu Hause auffangen, weil ein Elternteil häufig ausrastet oder depressiv ist. Ein solches Kind unterdrückt Weinen und Wut, denn sicher ist es erst, wenn die Eltern ruhig sind. Ohne dass es jemand verlangt, hilft es im Haushalt, kümmert sich um die jüngeren Geschwister und macht keine Probleme. Hier sind die Rollen vertauscht: Nicht die Eltern sorgen für das Kind, sondern das Kind sorgt für die Eltern. Fachleute nennen diese Umkehrung Parentifizierung, von lateinisch parens, Elternteil: Das Kind wird zum Elternteil seiner Eltern gemacht. Nach außen wirkt es früh verantwortungsvoll. Doch dabei kommt es womöglich kaum dazu, um Hilfe zu bitten, sich auf andere zu verlassen oder etwas auszuprobieren und dabei Fehler zu machen. Als Erwachsener bemerkt so jemand die Bedürfnisse anderer sehr schnell und die eigene Erschöpfung sehr spät.

    Lob macht diese Anpassung noch fester. Sätze der Eltern wie „Mit dir hatten wir nie Arbeit“ oder „Du warst schon immer vernünftiger als dein Bruder“ sind für ein Kind eine große Belohnung. Es hält noch mehr aus, um geliebt zu werden, und hat das Gefühl, die Eltern zu enttäuschen, sobald es sagt, dass ihm etwas schwerfällt. Ein Kind, das Probleme macht, fällt auf und bekommt eher Hilfe; der Schmerz des stillen Kindes bleibt oft jahrelang unbemerkt. Wenn Sie als Kind oft gelobt wurden, beweist das also nicht, dass Sie geborgen waren. Die Frage ist, was Sie aushalten mussten, um dieses Lob zu bekommen.

    Was braucht ein Kind, damit ein Gefühl es nicht umwirft?

    Der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat das, was ein Kind dafür braucht, Halten genannt: Eine betreuende Person hält aus, was ein Säugling mit seinem Körper und seinen Gefühlen zeigt, und nimmt es an. Gemeint ist etwas Konkretes: nach dem Grund suchen, wenn das Kind weint, es beruhigen, wenn es erschrocken ist, und die Beziehung nicht abreißen lassen, wenn es zeigt, was es will. Dafür muss niemand jeden Wunsch erfüllen. Es genügt, beim Kind zu bleiben, bis es sein Gefühl gezeigt hat und wieder ruhig wird, und das so verlässlich, dass das Kind damit rechnen kann. Erlebt ein Kind das immer wieder, wächst daraus die Empfindung: Auch wenn ein unangenehmes Gefühl kommt, wirft es mich nicht um. Ein Kind, das dagegen die Eltern beruhigen musste, lernt zuerst, seine Gefühle zu verbergen.

    Damit zurück zum Abend vom Anfang. Um zu sagen „Ich bin einsam“ oder „Ich habe Angst, dass die anderen mich nicht mögen“, braucht es die Überzeugung, dass eine Beziehung nicht abreißt, wenn man sich schwach zeigt. Diese Überzeugung wächst aus Erfahrungen wie den eben beschriebenen: Das Kind zeigt, was es fühlt, und die Beziehung hält. Fehlt diese Überzeugung, kann man seine Traurigkeit nicht offen aussprechen; stattdessen lacht man lauter oder gibt sich stärker, als man ist. Wer dagegen aussprechen kann, dass er einsam ist oder Angst hat, bringt in diesem Moment schon die Kraft auf, dieses Gefühl auszuhalten, statt es wegzulachen. Dabei muss man sich nicht jedem anvertrauen. Entscheidend ist, das eigene Gefühl wenigstens vor sich selbst nicht zu verbergen.

    Fühlt sich Liebe für ein Kind wie ein Zeugnis an, wenn es Wärme nur bei guten Leistungen gibt?

    War ein Elternteil warm, solange die Noten gut waren, und kühl, wenn eine Klassenarbeit schlecht ausfiel, zieht das Kind einen Schluss: Geliebt werde ich, wenn ich es gut mache. Vielleicht haben die Eltern Nachhilfe bezahlt und alles Nötige besorgt, und sie haben das Gefühl, viel gegeben zu haben. Wenn aber nach einem Misserfolg niemand da war, der das Kind getröstet und gefragt hat, wie es ihm geht, kann diese Liebe beim Kind wie ein Zeugnis ankommen: als Bewertung. Zurück bleibt dann eher das Gefühl, verwaltet worden zu sein, als das Gefühl, geliebt worden zu sein. Ein Kind, das nur für gute Ergebnisse Wärme bekommt, lernt, anderen zuerst seine Leistung zu zeigen. Das ist dasselbe Muster wie bei dem Kind, das gelernt hat, dass es nur mit dem fröhlichen, vernünftigen Gesicht sicher ist: Beide zeigen zuerst, was gut ankommt, und nicht, wie es ihnen geht.

    Was liegt unter der Rolle — ein verborgenes wahres Gesicht?

    Vielleicht wollen Sie jetzt unter der Rolle nach Ihrem eigentlichen Ich suchen, als läge dort ein einziges wahres Gesicht verborgen. So ein Gesicht gibt es nicht. Wie ein Mensch fühlt, ändert sich mit der Beziehung und mit der Situation. Wie Sie in der Familie sind, wie bei der Arbeit und wie allein, lässt sich nicht in echt und unecht sortieren. Sich selbst zu finden heißt vielmehr herauszufinden, welche Gefühle und Bedürfnisse in all diesen Situationen wiederkehren und welche Werte und Entscheidungen Ihnen wichtig sind. Ein Beispiel: Am Familientisch schlucken Sie eine Antwort hinunter, im Büro lachen Sie über eine Bemerkung mit, die Sie nicht lustig finden. Das bedeutet nicht, dass zu Hause Ihr echtes und im Büro Ihr falsches Ich spricht. Es ist zweimal dasselbe Muster: Sie halten zurück, was Sie empfinden. Solche wiederkehrenden Muster zu bemerken, ist ein Teil davon, sich selbst zu finden.

    Wo und wie können Sie anfangen, kleine Wahrheiten auszusprechen, ohne dass es Sie etwas kostet?

    Sie müssen die Rolle nicht vor allen Menschen ablegen. Wer Ihre Schwächen ausnutzt oder Vertrauliches weitererzählt, dem zeigen Sie Ihr Inneres besser nicht; sich ihm zu öffnen, wäre keine Aufrichtigkeit, sondern ein Risiko. Fangen Sie dort an, wo ein offenes Wort nicht bestraft wird: bei einem verlässlichen Freund, bei einer Therapeutin, bei einem Menschen, der Sie noch nie bloßgestellt hat.

    Dafür reichen kurze Sätze, kleine Wahrheiten wie diese: „Heute möchte ich niemanden sehen.“ „Das hat mich verletzt.“ „Ehrlich gesagt mache ich diese Arbeit nicht gern.“ Achten Sie darauf, wie der andere reagiert, und entscheiden Sie danach, wie viel Sie von sich zeigen. Zu zeigen, was Sie wirklich fühlen, heißt aber nicht, den anderen anzugreifen oder jedem Impuls nachzugeben, nur weil er echt ist.

    Für Abende wie den am Anfang dieses Textes gibt es eine Übung. Wenn Sie nach Hause kommen und die Leere da ist, schalten Sie nicht sofort eine Serie an und öffnen Sie nicht gleich eine Flasche. Gehen Sie stattdessen den Abend noch einmal durch. Gab es eine Stelle, an der Sie übertrieben haben, um anerkannt zu werden? Haben Sie eine unangenehme Frage weggelacht? Und wenn es Ihnen schwerfällt, jetzt allein zu sein: Wovor haben Sie dabei Angst? Schreiben Sie auf, was Ihnen dazu einfällt.

    Das Ziel ist nicht, weniger zu lachen, sondern unterscheiden zu können, ob das Lachen Freude ausgedrückt oder Schmerz zugedeckt hat. Wenn Sie benennen können, woher die Leere kommt, können Sie auch ohne das Aufdrehen vor anderen spüren: Ich bin da. Selbstliebe ist dann keine Belohnung, die erst kommt, wenn man sich endlich gefunden hat. Selbstliebe besteht genau darin: die eigenen Gefühle bemerken, sie auf sichere Weise aussprechen und für die Folgen geradestehen. Die freundliche Rolle müssen Sie dafür nicht aufgeben; im Büro oder an einem geselligen Abend darf sie ihren Platz haben. Wenn Sie aber immer wieder zu dem zurückfinden, was Sie selbst fühlen und wollen, sind Sie in dieser Rolle nicht mehr eingesperrt. Dann können Sie auch in Ihren Beziehungen Sie selbst bleiben.


    Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

  • Warum Ihnen ein Mensch unerträglich ist, der Ihnen nichts getan hat

    Jemand betritt den Raum, sagt zwei Sätze, und etwas in Ihnen zieht sich zusammen. Er hat Ihnen nichts getan. Sie kennen ihn nicht. Trotzdem steht das Urteil bereits fest, und es fühlt sich nicht wie eine Vermutung an, sondern wie eine Tatsache: Dieser Mensch hält sich für etwas Besseres. Eine Stunde später tut jemand anderes genau dasselbe, und es fällt Ihnen nicht einmal auf.

    Der Unterschied liegt nicht in den beiden Menschen. Er liegt in dem, was Sie selbst in die Begegnung mitbringen: in Ihren früheren Erfahrungen und in Gefühlen, die Sie bei sich nicht zulassen.

    Warum heißt dieser Vorgang ausgerechnet Projektion?

    In der Psychoanalyse spricht man von Projektion, wenn jemand sich einen eigenen Wunsch oder die eigene Wut nicht eingestehen kann und das stattdessen als Eigenschaft eines anderen Menschen erlebt. Ein Beispiel: Zu beurteilen, ob der andere sich tatsächlich egoistisch verhalten hat, ist eine Sache. Etwas ganz anderes ist es, eigene egoistische Wünsche, die Sie sich nicht eingestehen, nur bei ihm zu sehen. Das Zweite ist Projektion. Und weil Sie das, was Sie bei sich selbst nicht zulassen, jetzt bei ihm sehen, stört Sie schon eine kleine Geste dieses Menschen heftig.

    Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „nach vorn werfen“: Etwas, das in Ihnen ist, wird nach außen geworfen, und Sie sehen es dann draußen, beim anderen. Man kann es sich wie bei einem Projektor vorstellen: Das Bild steckt im Gerät, erscheint aber auf der Wand. Wer im Raum sitzt und zur Wand schaut, sieht das Bild nur dort — nicht in dem Gerät hinter seinem Rücken.

    Projektion ist keine Lüge: Niemand beschließt sie, und man ertappt sich nicht dabei. Der Vorgang läuft von selbst ab und schützt Sie: Was Sie bei sich nicht zulassen können, müssen Sie so nicht bei sich spüren, denn es erscheint beim anderen. Und weil Sie nicht merken, dass es aus Ihnen selbst kommt, fühlt sich ein Urteil wie „Dieser Mensch hält sich für etwas Besseres“ so fest an wie eine Tatsache. Sie sehen es ja. Aber wie sicher Sie sich fühlen, sagt nichts darüber, ob das Urteil stimmt.

    Wie kommt es, dass das Gefühl sofort da ist und der Grund erst nachgeliefert wird?

    Nach wenigen Worten steht schon fest, ob jemand angenehm ist oder unangenehm. Ihr Gehirn liest Mimik, Stimme und Haltung in Sekundenbruchteilen und vergleicht sie mit dem, was Sie früher erlebt haben. Es fragt dabei nicht, wer dieser Mensch ist, sondern ob man bei ihm sicher ist. Das geht so schnell, dass die Empfindung zuerst da ist. Die Begründung suchen Sie hinterher.

    Dass wir dabei auf frühere Erfahrungen zurückgreifen, ist an sich kein Fehler. Wenn Sie einen Kugelschreiber sehen, wissen Sie sofort, was er ist und wozu er dient — das verdanken Sie ausschließlich Ihrer Erinnerung. Ohne sie stünden Sie vor jedem Gegenstand ratlos.

    Zum Problem wird es erst, wenn wir glauben, ein neuer Mensch sei mit dem, was wir von früher kennen, schon vollständig erklärt. Ein Mensch ist unvergleichlich komplizierter als ein Kugelschreiber. Trotzdem genügt uns ein Tonfall, um jemanden „kontrollierend“ zu nennen, und ein Gesichtsausdruck für das Urteil „Der mag mich nicht“. Dazu kommt: Vieles von dem, was wir über Menschen zu wissen glauben, haben wir in der Kindheit gesammelt, mit dem Verständnis, das wir damals hatten. So entstehen Schlüsse wie „Die Leute mögen mich nicht“. Solches Wissen ist oft schon verzerrt, und wer damit auf einen neuen Menschen schaut, sieht nicht ihn, sondern die eigene Vergangenheit.

    Was tut ein Kind mit einem Gefühl, das ihm zu groß ist?

    Die Psychoanalytikerin Melanie Klein hat beschrieben, dass ein Säugling die heftigen Gefühle, die Hunger und Warten in ihm auslösen, noch nicht aushalten kann. Sie sind zu stark für einen so kleinen Menschen. Also erlebt das Kind das, was es quält, als etwas, das von außen kommt — von einem „bösen“ Gegenüber. Dieses Gegenüber ist ausgerechnet der Mensch, der es versorgt, denn auf ihn muss das Kind warten, wenn es Hunger hat. Dass das Schlimme von außen zu kommen scheint, mindert die Angst des Kindes: Es ist dann nicht mehr in ihm selbst. Nach Klein ist das die früheste Form dessen, was später Projektion heißt.

    Mit der Zeit lernt das Kind, diese Gefühle auszuhalten, und zwar durch Wiederholung: Der Mensch, der es versorgt, hält sein Schreien aus, kommt zurück und beruhigt es. Wenn das oft genug geschieht, macht das Kind die Erfahrung, dass weder es selbst noch die Beziehung an seiner Wut zerbricht. Erst dann kann es Gutes und Schlechtes in ein und demselben Menschen sehen: Der Mensch, auf den es warten musste, ist derselbe, der es tröstet. Wo diese Erfahrung fehlte, bleibt später die Neigung, andere Menschen entweder für ganz gut oder für ganz schlecht zu halten — und zwar sofort, beim ersten Eindruck.

    Warum fällt Ihnen gerade das, was Sie sich selbst verboten haben, beim anderen so stark auf?

    Wer schon immer für alles verantwortlich sein musste, auch wenn er erschöpft war und sich ausruhen wollte, hält jemanden, der sich unbefangen helfen lässt, schnell für verantwortungslos. Wer sich dafür schämt, gesehen und anerkannt werden zu wollen, empfindet jemanden, der offen von sich erzählt, schnell als unerträglich selbstgefällig.

    Der Grund ist einfach: Ein verbotener Wunsch, etwa der Wunsch, sich auszuruhen oder anerkannt zu werden, verschwindet nicht. Er wird nur nicht mehr zugelassen. In sich selbst sehen Sie ihn nicht mehr, aber er ist noch da. Und weil es Ihr eigener Wunsch ist, erkennen Sie ihn bei einem Fremden schneller als jeder andere im Raum.

    Damit ist nicht gesagt, dass der andere nichts falsch macht. Die nützlichere Frage lautet aber nicht, ob sein Verhalten in Ordnung war, sondern: Warum reagiere ich gerade darauf so stark? Vergleichen Sie, wie Sie bei diesem Menschen reagieren und wie bei einer anderen Person, die dasselbe tut — so wie in der Szene am Anfang, wo Ihnen der Zweite nicht einmal auffiel. Der Unterschied zeigt Ihnen ziemlich genau, wo das tatsächliche Problem aufhört und Ihr eigener Anteil beginnt.

    Wie wird aus Projektion im Streit ein Beweisverfahren?

    Hier zeigt sich, was Projektion in einer Beziehung anrichtet. Sie halten den anderen für kalt und stellen ihn zur Rede. Er fühlt sich angegriffen, zieht sich zurück und wird tatsächlich kühl. Und Sie denken: Ich hatte recht.

    Ihre Erwartung hat diese Reaktion erst hervorgerufen, und die Reaktion bestätigt nun Ihre Erwartung und macht sie noch fester. Wenn beide Seiten so projizieren, hört der Streit auf, ein Streit über eine Sache zu sein. Er wird zu einem Verfahren, in dem jeder Beweise dafür sammelt, dass der andere der Schlechtere ist — und Beweise finden sich immer, weil jeder beim anderen genau das Verhalten hervorruft, das er ihm vorwirft.

    Unterbrechen können Sie diesen Kreislauf in dem Augenblick, bevor Sie dem anderen eine Absicht unterstellen. Sagen Sie stattdessen zuerst, was Sie beobachtet haben. Nicht „Du missachtest mich“, sondern „Als du aufs Handy gesehen hast, während ich geredet habe, hatte ich den Eindruck, du hörst mir nicht zu.“ Der erste Satz ist ein Urteil, das der andere nur bestreiten kann. Der zweite nennt zuerst, was geschehen ist, und dann, welchen Eindruck das bei Ihnen hinterlassen hat. Er behauptet nicht, dass der andere Ihnen tatsächlich nicht zuhört. Über einen solchen Satz kann man miteinander reden.

    Was bringt es, drei Zeilen getrennt aufzuschreiben?

    Wenn der Gedanke auftaucht, jemand nehme Sie nicht ernst, schreiben Sie zuerst auf, was Sie mit den Augen gesehen haben. Dann, in eine eigene Zeile, was Sie gefühlt haben. Und zuletzt, wieder getrennt, wie Sie es gedeutet haben.

    „Er hat aufs Handy gesehen, während ich geredet habe.“ „Ich fühlte mich gedemütigt.“ „Ich habe daraus geschlossen, dass ihm egal ist, was ich sage.“ Das sind drei verschiedene Dinge: eine Beobachtung, ein Gefühl und eine Deutung. Im Kopf verschmelzen sie zu einem einzigen Eindruck. Getrennt auf dem Papier tun sie das nicht mehr, und Sie sehen: Dass ihm egal ist, was Sie sagen, haben Sie nicht gesehen, sondern geschlossen.

    Es geht dabei nicht darum, Ihnen Ihr Gefühl auszureden. Ihr Gefühl ist echt, und es darf da sein. Es geht darum, dass Sie ansprechen können, was Sie gestört hat, ohne gleich den Schluss zu übernehmen, den Ihre Kränkung nahelegt: „Ihm ist egal, was ich sage.“

    Wovon ist hier ausdrücklich nicht die Rede?

    Wer jede Wut zur Projektion erklärt, schiebt am Ende dem Verletzten die Verantwortung zu. Drohung, Gewalt, wiederholte Demütigung, finanzielle Kontrolle — das sind überprüfbare Handlungen. So etwas muss zuerst aufhören, und Sie müssen in Sicherheit sein. Es gibt keinen Grund, eine Verletzung mit dem Gedanken auszuhalten, das sei ja nur Ihre eigene Projektion.

    Die Fragen dieses Textes gehören in die Zeit danach, wenn Sie in Sicherheit sind. Mit ihnen prüfen Sie, wie viel von einer alten Verletzung sich in Ihre heutige Reaktion gemischt hat. Was der andere falsch gemacht hat, bleibt davon unberührt. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Der andere hat falsch gehandelt, und in Ihrer Reaktion steckt zusätzlich eine alte Verletzung.

    Was zeigt sich, wenn Sie das Wort, mit dem Sie den anderen beschreiben, einmal auf sich selbst beziehen?

    Wenn Sie jemanden immer wieder egoistisch nennen, geltungssüchtig oder kontrollierend, dann fragen Sie sich vorsichtig, ob dieses Wort auch auf Sie selbst zutrifft. Wollte ich mich auch einmal ausruhen und habe es mir nicht erlaubt? Wollte ich gesehen werden und habe mich dafür verachtet? Habe ich selbst schon einmal jemanden in meiner Familie kontrolliert, weil ich meine eigene Unruhe sonst nicht ausgehalten hätte?

    Die Antwort „Diese Seite habe ich auch“ spricht den anderen von nichts frei. Aber Sie holen damit einen Teil Ihrer eigenen Gefühle zu sich zurück, den Sie bisher nur beim anderen gesehen hatten. Und das verändert, wie Sie in Beziehungen sprechen: Wenn Sie Ihren eigenen Wunsch und Ihre eigene Wut direkt aussprechen können, müssen Sie beides nicht mehr dadurch zeigen, dass Sie die Fehler des anderen angreifen.


    Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

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