Manchmal erklärt Ihnen Ihr Vorgesetzter nur, wie ein Arbeitsablauf aussehen soll, und schon ist der Gedanke da: Was bildet der sich ein, mir zu sagen, was ich zu tun habe? Noch bevor Sie geprüft haben, ob die Anweisung berechtigt ist, spannt sich Ihr Körper an, und Ihre Stimme wird hart. Womöglich hat das, was Ihr Vorgesetzter gerade gesagt hat, eine alte Erfahrung wachgerufen: dass Sie früher von Ihrem Vater oder einem anderen Menschen, der über Ihnen stand, herabgesetzt wurden.
Was macht Sie wütend: der Inhalt der Anweisung oder dass Sie überhaupt Anweisungen bekommen?
Wenn Sie so auf eine Anweisung reagieren, macht Sie womöglich weniger ihr Inhalt wütend als die Tatsache, dass Sie überhaupt in der Rolle sind, von jemandem Anweisungen zu bekommen. Schon diese Rolle kann die alte Erfahrung wachrufen, herabgesetzt worden zu sein, und dann steigen Demütigung und Wut in Ihnen auf. Das heißt nicht, dass Sie jede Anweisung einfach befolgen sollen. Sie müssen aber auseinanderhalten, woher Ihre Wut gerade kommt: Ist die Anweisung tatsächlich unberechtigt? Oder halten Sie es kaum aus, überhaupt Anweisungen zu bekommen? Wenn Sie die Wut über eine unberechtigte Anweisung und die Wut über diese Rolle in einen Topf werfen, kann selbst ein begründeter Einwand in einem gereizten Schlagabtausch enden.
Warum sagen Zwei- und Dreijährige so oft „Nein“?
Um zu verstehen, warum es so schwer auszuhalten ist, Anweisungen zu bekommen, lohnt ein Blick darauf, wie ein Kind zu einem eigenen Ich wird: Zuerst löst es sich von der Mutter, später von den Maßstäben der Eltern. Mit zwei, drei Jahren sagt ein Kind sehr oft „Nein!“ und „Selber machen!“. Das ist nicht einfach Ungezogenheit. Als Säugling hat das Kind so eng mit der Mutter gelebt, als wären die beiden ein einziger Körper. Nach und nach löst es sich von ihr, und dabei beginnt es, sich zu widersetzen. Denn es will zeigen, dass es selbst da ist und einen eigenen Willen hat. Mit einem Nein zum Willen der Mutter zeigt es zum ersten Mal: Die Mutter will das eine, ich will etwas anderes. Deshalb kommen, wenn ein Kind beginnt, seinen Willen in Worte zu fassen, zuerst Wörter wie „Nein“ und „Will nicht“.
Die Kinderpsychoanalytikerin Margaret Mahler hat beschrieben, wie sich ein Kind so Schritt für Schritt von der Mutter löst, bis es spürt: Mama ist Mama, und ich bin ich. Diesen Weg nannte sie Loslösung und Individuation. Das zweite Wort kommt von Individuum: Das Kind wird dabei zu einem eigenen Menschen.
Was das Kind auf diesem Weg lernt, hängt davon ab, wie die Eltern auf sein Nein antworten. Verbieten sie klar, was gefährlich ist, und lassen trotzdem gelten, dass das Kind etwas anderes will als sie, dann lernt das Kind: Wenn ich tue, was meine Eltern sagen, verschwindet deshalb nicht, was ich selbst denke. Verlangen die Eltern dagegen Gehorsam ohne Wenn und Aber oder demütigen sie das Kind jedes Mal, wenn es sich widersetzt, dann kann es sich für das Kind so anfühlen: Wenn ich tue, was jemand sagt, der über mir steht, gebe ich mein eigenes Denken auf.
Weshalb widersprechen Kinder in der Pubertät ihren Eltern, selbst wenn die Eltern recht haben?
Jugendliche widersprechen ihren Eltern mitunter absichtlich, auch wenn die Eltern recht haben. Denn wer die Ansicht der Eltern einfach übernimmt, fühlt sich, als hätte er keine eigene Meinung. Der Psychoanalytiker Peter Blos nannte die Jugendzeit die „zweite Individuation“. Gemeint ist: Was ein Kind mit zwei, drei Jahren schon einmal erlebt hat, als es sich von der Mutter löste, erlebt es in der Pubertät ein zweites Mal. Diesmal löst es sich von den Maßstäben der Eltern und bildet sich ein eigenes Urteil.
Festigt sich durch das Aufbegehren in der Pubertät die Gewissheit „Ich habe auch eigene Gedanken“, dann wird ein Mensch erwachsen. Als Erwachsener kann er einer Anweisung von jemandem folgen, der Autorität über ihn hat, auch wenn er sich dabei gedemütigt fühlt. Denn er weiß: Wenn ich tue, was ein anderer sagt, gebe ich meine eigenen Gedanken nicht auf. Ist das Aufbegehren der Pubertät aber nicht abgeschlossen und wirkt im Inneren weiter, dann hält man es nicht aus, überhaupt einer Anweisung von jemandem zu folgen, der über einem steht. Der Gedanke ist schon da, bevor man geprüft hat, was die Anweisung besagt: Was bildet der sich ein, mir zu sagen, was ich zu tun habe?
Was geschieht, wenn sich über Ihren Vorgesetzten das Bild Ihres Vaters legt?
Dieses Aufbegehren kommt besonders schwer zur Ruhe, wenn es eine alte Verletzung durch den Vater gibt. Hat Ihr Vater keine Fragen zugelassen und Sie herabgesetzt, während er Ihnen Befehle gab, dann bleibt diese Verletzung, und mit ihr bleibt das Aufbegehren. Später, wenn Sie erwachsen sind, kann sich dann schon eine gewöhnliche Anweisung Ihres Vorgesetzten so bedrohlich anfühlen wie damals ein Befehl Ihres Vaters. Der Mensch vor Ihnen ist nicht Ihr Vater, und trotzdem spannt sich Ihr Körper an und wird starr, wie damals, als Sie sich vor Ihrem Vater schützen mussten. Sie werden wütend auf Ihren Vorgesetzten. In Wirklichkeit steigt dabei aber auch die Wut auf, die Sie vor Ihrem Vater nicht aussprechen konnten.
Das nennt man Übertragung: Gefühle, die in einer früheren Beziehung entstanden sind, werden auf einen Menschen übertragen, dem Sie heute begegnen. Die Bedrohung und die Wut, die Sie damals vor Ihrem Vater gespürt haben, spüren Sie jetzt vor Ihrem Vorgesetzten. Die Übertragung zu erkennen hilft Ihnen, auseinanderzuhalten, was Ihr Vorgesetzter gerade getan hat und welche alte Reaktion dabei in Ihnen aufgestiegen ist. Weiter reicht es aber nicht: Hat Ihr Vorgesetzter tatsächlich etwas falsch gemacht, dann bleibt das ein Fehler, auch wenn Sie die Übertragung erkennen.
Wie reagiert ein reifer Mensch, wenn sich eine Anweisung demütigend anfühlt?
Reif zu reagieren heißt weder, jede Anweisung ohne Wenn und Aber zu befolgen, noch, sich jeder zu widersetzen. Es heißt, zwei Fragen getrennt zu beantworten: Ist die Anweisung in der Sache berechtigt? Und wenn nicht, auf welchem Weg sprechen Sie das an? Wie stark Sie sich gedemütigt fühlen, sagt noch nichts darüber, ob die Anweisung berechtigt ist. Ist sie berechtigt, dann gehört die Aufgabe zu Ihrer Arbeit, und Sie erledigen sie, auch wenn Sie sich darüber ärgern. Ist sie unberechtigt, dann bleiben Sie nicht bei „Das ärgert mich“ stehen. Stellen Sie zusammen, welche Regeln an Ihrem Arbeitsplatz für diesen Fall gelten, welche Tatsachen Ihren Einwand stützen und welcher Schaden zu erwarten ist, und sprechen Sie das Problem dann an.
Autorität anzuerkennen heißt nicht zu glauben, dass der Mensch über Ihnen immer recht hat. Hat Ihr Vorgesetzter die Befugnis, über eine Sache zu entscheiden, dann erkennen Sie diese Befugnis an und können trotzdem widersprechen, wenn seine Entscheidung falsch ist. Ein reifer Mensch greift auch dann, wenn er widerspricht, den anderen nicht persönlich an und versucht nicht, sich mit Druck durchzusetzen. Er bleibt innerhalb der Regeln, die an seinem Arbeitsplatz gelten, und wendet sich an die Stellen, die dort für solche Fragen zuständig sind.
Wie können Sie im Moment der Wut den Vorgesetzten von heute und den Vater von damals auseinanderhalten?
Wenn Sie sich einer Anweisung am liebsten sofort widersetzen würden, können Sie, bevor Sie etwas sagen, drei Dinge prüfen: Was genau soll ich tun? Hat mein Vorgesetzter die dienstliche Befugnis, mir diese Aufgabe zu geben? Und an welcher Stelle des Gesprächs habe ich mich gedemütigt gefühlt? Wenn Sie diese drei Fragen einzeln beantworten, erkennen Sie, was Ihr Vorgesetzter tatsächlich getan hat und was Sie als Demütigung empfunden haben. Fragen Sie sich danach, ob Sie anders reagiert hätten, wenn eine Kollegin oder ein Kollege genau dasselbe gesagt hätte. Wenn ja, dann kommt Ihre Wut womöglich weniger aus dem Inhalt des Satzes als daher, dass jemand ihn gesagt hat, der über Ihnen steht, so wie früher Ihr Vater über Ihnen stand.
Wenn Sie die Wut, die Sie vor Ihrem Vater nicht aussprechen konnten, an Ihrem Vorgesetzten von heute auslassen, verpassen Sie die Gelegenheit, das Problem zu lösen, um das es heute geht. Umgekehrt dürfen Sie aber auch eine unberechtigte Anweisung nicht einfach mit dem Gedanken hinnehmen, Ihre Wut komme ja nur von der alten Verletzung durch Ihren Vater. Als Erwachsener mit Menschen umzugehen, die über Ihnen stehen, heißt, zu unterscheiden, was Sie befolgen und was Sie ablehnen. Maßstab dafür ist, was heute tatsächlich geschehen ist: was die Anweisung von Ihnen verlangt und ob sie berechtigt ist.
Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum