Vernünftige Kinder lernen die Stimmung der Eltern früher kennen als die eigenen Gefühle

Ein Kind, das nicht quengelt, nicht sagt, was es braucht, und zuerst auf die Stimmung der Erwachsenen achtet, gilt als pflegeleicht und vernünftig. Oft wird es dafür gelobt. Von außen wirken solche Kinder alle gleich still. Hinter der Stille können aber zwei ganz verschiedene Gründe stehen. Manche Kinder sind von Natur aus ruhig. Andere halten sich zurück, weil sie fürchten, ausgeschimpft zu werden oder den Eltern das Leben schwer zu machen, wenn sie etwas verlangen.

Geht es einem pflegeleichten Kind innerlich auch so gut, wie es aussieht?

Nicht unbedingt. Bei einem Kind, das von Natur aus ruhig ist, kann die Ruhe echt sein. Bei einem Kind, das sich zurückhält, sieht es innen anders aus als außen. Es liest den Eltern am Gesicht ab, wie es ihnen geht, noch bevor es merkt, was es selbst braucht. Hat es Hunger, sagt es nichts, weil die Eltern gerade beschäftigt sind. Ist es traurig, lacht es, damit es die Stimmung nicht verdirbt. Nach außen wirkt es ruhig. Innen ist es hungrig oder traurig, zeigt aber nichts davon. Dass dieses Kind so vernünftig wirkt, ist kein Zeichen von Reife. Es hat sich an die Eltern angepasst, um nicht ausgeschimpft zu werden und um ihnen nicht zur Last zu fallen.

Wodurch lernt ein Kind, wieder ruhig zu werden, wenn ein Gefühl es aufwühlt?

Ein Kind lernt das durch einen Erwachsenen, der seine Gefühle annimmt. Erst bei einem solchen Erwachsenen traut es sich, ein Gefühl zu zeigen, statt es hinunterzuschlucken. Der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott nannte das, was dieser Erwachsene tut, „Halten“. Gemeint ist nicht nur, das Kind im Arm zu halten, sondern auch, seine Gefühle auszuhalten und anzunehmen. Im Alltag sieht das so aus: Weint das Kind, sucht man nach dem Grund. Erschrickt es, beruhigt man es. Und sagt es, dass es etwas möchte, reagiert man nicht gereizt und schimpft nicht, sondern bleibt bei ihm und wendet sich nicht ab. Genau an dieser Stelle rechnet das Kind, das sich zurückhält, mit Schimpfe.

Erlebt ein Kind das immer wieder, lernt es: Auch wenn ich traurig bin oder erschrecke, kann ich wieder ruhig werden. Halten heißt dabei nicht, dem Kind jeden Wunsch zu erfüllen. Es heißt, verlässlich bei ihm zu bleiben, bis es sein Gefühl gezeigt hat und wieder zur Ruhe gekommen ist.

Warum versteckt ein Kind, das seine Eltern beruhigen musste, seine eigenen Gefühle?

In manchen Familien ist es umgekehrt. Nicht die Eltern halten die Gefühle des Kindes aus, sondern das Kind muss darauf achten, wie die Eltern gelaunt sind, und sie beruhigen, weil Vater oder Mutter oft aus der Haut fährt oder niedergeschlagen ist. Ein solches Kind unterdrückt sein Weinen und seine Wut. Würde es weinen oder wütend werden, könnte das die Eltern noch mehr aufbringen oder bedrücken. Und erst wenn es den Eltern gut geht, kann auch das Kind aufatmen. Ohne dass es jemand verlangt, übernimmt es Aufgaben im Haushalt, kümmert sich um die jüngeren Geschwister und macht keine Schwierigkeiten.

So sorgt am Ende das Kind für seine Eltern und nicht die Eltern für das Kind. Weil das Kind dabei die Rolle von Vater oder Mutter übernimmt, nennen Fachleute das Parentifizierung. Nach außen sieht es aus, als wäre das Kind früh verantwortungsbewusst geworden. Dafür gehen ihm womöglich zwei Gelegenheiten verloren. Die eine ist, um Hilfe zu bitten und sich anzulehnen: Bei Eltern, die es selbst beruhigen muss, geht das kaum. Die andere ist, Fehler zu machen und daraus zu lernen: Ein Fehler würde den Eltern Schwierigkeiten machen, und genau das will es vermeiden. Wer von klein auf zuerst am Gesicht der Eltern abgelesen hat, wie es ihnen geht, und erst danach auf die eigenen Bedürfnisse geachtet hat, merkt auch als Erwachsener schnell, was andere brauchen, und erst spät, wie müde er selbst ist.

Weshalb merkt ein Kind, das für seine Zurückhaltung gelobt wird, selbst nicht, was ihm wehtut?

Sätze wie „Mit dir hat man es so leicht“ oder „Du bist schon viel vernünftiger als deine Geschwister“ sind für ein Kind eine wichtige Belohnung. Um geliebt zu werden, schluckt es noch mehr hinunter. Und es hat das Gefühl, es würde die Eltern enttäuschen, sobald es sagt, dass ihm etwas zu schwer ist.

Ein Kind, das trotzt oder Schwierigkeiten macht, strengt die Erwachsenen an. Deshalb schauen sie irgendwann genauer hin, was nicht stimmt, und das Kind hat zumindest eine Chance auf Hilfe. Bei einem Kind, das still für sich behält, was es braucht und was ihm wehtut, schaut dagegen niemand genauer hin. Stattdessen wird es gelobt. So kann lange niemand sehen, was dieses Kind aushält: den Hunger, den es nicht meldet, die Traurigkeit hinter dem Lachen, das Weinen und die Wut, die es hinunterschluckt. Auch das Kind selbst hat kaum Gelegenheit zu merken, dass ihm etwas wehtut. Denn das Lob sagt ihm: Es ist gut, dass du nichts verlangst. Also scheint alles in Ordnung zu sein, für die Eltern und auch für das Kind. So deckt das Lob den Schmerz zu.

Gelobt worden zu sein heißt also nicht, unbeschwert aufgewachsen zu sein. Vielleicht haben auch Sie als Kind oft gehört, wie vernünftig Sie schon seien. Dann sollten Sie sich genauer ansehen, was Sie hinunterschlucken mussten, um dieses Lob zu bekommen.

Wie üben Sie, sich selbst zu fragen, was Sie wollen und können, bevor Sie sich um andere kümmern?

Wer als Kind so vernünftig war, sagt Ja, sobald ihn jemand um etwas bittet, noch bevor er überlegt hat, ob es überhaupt geht. Dahinter steckt dieselbe Gewohnheit wie in der Kindheit: zuerst auf die anderen achten, dann erst auf sich. Waren Sie so ein Kind, brauchen Sie jetzt eine andere Übung: Bittet Sie jemand um etwas, halten Sie kurz inne, bevor Sie antworten, und fragen Sie zuerst sich selbst: Bin ich müde? Habe ich Zeit? Will ich das wirklich?

Wenn Sie selbst gerade ein Kind großziehen, können Sie Ihrem Kind helfen, selbst zu spüren und auszusprechen, wie es ihm geht, bevor es sich nach den anderen richtet. Loben Sie es nicht nur dafür, dass es brav ist. Sagen Sie ihm auch: „Wenn dir etwas zu schwer ist, darfst du es sagen.“ Oder: „Jetzt darfst du dir auch mal helfen lassen.“ Groß wird ein Kind nicht dadurch, dass es den Erwachsenen die Sorgen abnimmt, sondern durch die Erfahrung: Ich darf zeigen, wie mir zumute ist, und die Erwachsenen halten das aus.


Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

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