Warum ein Lob verfliegt und eine Kritik wochenlang bleibt

Eine Kollegin sagt nach der Besprechung: „Das haben Sie gut erklärt.“ Sie bedanken sich, und zehn Minuten später ist davon nichts mehr übrig. Was Ihr Teamleiter vor drei Wochen gesagt hat, haben Sie dagegen noch Wort für Wort im Ohr, samt Tonfall: „Das hätte man auch früher merken können.“

Man kann das mit einem geringen Selbstwertgefühl erklären. Mit dieser Erklärung allein versteht man aber nicht, warum ausgerechnet die Kritik bleibt und das Lob verfliegt. Dafür muss man genauer hinsehen, wie eine Bemerkung aufgenommen wird.

Wie prüft ein altes Selbstbild jedes Lob und jede Kritik?

Wer immer wieder Vorwürfe zu hören bekommen hat, kann ein Bild von sich entwickeln, das ungefähr lautet: „Ich genüge nicht.“ Jede neue Äußerung wird dann zuerst daran gemessen, ob sie zu diesem Bild passt.

Ein Lob passt nicht. Es wird als Übertreibung oder bloße Höflichkeit abgetan. Eine Kritik passt sofort. Sie wird übernommen, als bestätige sie nur, was Sie ohnehin schon wussten. Hängen bleibt also, was zum alten Bild passt.

Wodurch lernt man in Beziehungen, Gutes und Schlechtes zusammenzubringen?

Einem kleinen Kind fällt es anfangs schwer zu verstehen, dass die Mutter, die ihm gibt, was es braucht, und die Mutter, die es warten lässt, ein und dieselbe Person sind. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein hat beschrieben, dass ein Kind in dieser frühen Zeit gute und schlechte Erfahrungen getrennt voneinander aufbewahrt. Man spricht hier von Spaltung, weil das Erlebte gleichsam in zwei getrennte Fächer sortiert wird, die einander nicht berühren. Die Spaltung ist ein früher Schutz: Solange das Schlechte in seinem eigenen Fach liegt, kann es das Gute nicht verderben. So bleibt dem Kind die Erinnerung an die gute Beziehung erhalten, auch in Momenten, in denen es von Angst überwältigt wird.

Wiederholt sich verlässliche Fürsorge, begreift das Kind nach und nach: „Meine Mutter liebt mich, aber manchmal enttäuscht sie mich.“ Und: „Ich habe Stärken, und ich mache auch Fehler.“ Gutes und Schlechtes können dann nebeneinander bestehen, ohne dass die Beziehung oder der eigene Wert ganz zusammenbricht.

Wo diese verlässliche Fürsorge gefehlt hat, fällt es schwer, Gutes und Schlechtes nebeneinander stehen zu lassen. Dann kann schon eine einzelne Kritik den ganzen eigenen Wert ins Wanken bringen, und für ein Lob bleibt daneben kein Platz.

Warum ist es mit mehr Lob allein nicht getan?

Dass sich gute Beziehungserfahrungen ansammeln, ist wichtig. Doch einfach öfter gelobt zu werden, reicht nicht aus. Ob etwas Positives bei Ihnen ankommt, hängt auch von anderem ab: von Depression und Angst, von Scham, von erlebter Misshandlung und von Perfektionismus. Und es kommt darauf an, was gelobt wird und ob Sie dem Menschen trauen, der es sagt.

Ein pauschales „Sie sind großartig“ lässt sich schwer annehmen. Ein konkretes „Gut fand ich, dass Sie sich die Frage erst ganz angehört und dann geantwortet haben“ nehmen Sie leichter an, denn das können Sie selbst nachprüfen.

Hilfreich ist eine kleine Übung: Zwingen Sie sich nicht, das Lob zu glauben. Widersprechen Sie ihm aber auch nicht sofort, auch nicht still für sich, etwa mit „Das ist doch nur Höflichkeit“. Lassen Sie es stattdessen einen Tag lang einfach stehen, als bloße Information: Jemand hat das über Sie gesagt. Ob es stimmt, müssen Sie noch nicht entscheiden.

Was lässt gute Erfahrungen bleiben: ein großes Lob oder Sicherheit, die Sie immer wieder erleben?

Ein einzelnes begeistertes Wort ändert ein altes Selbstbild nicht auf der Stelle. Dafür müssen sich Erfahrungen ansammeln, die Sicherheit geben: einen Fehler machen und nicht bloßgestellt werden, eine Bitte abschlagen und die Beziehung nicht verlieren, auch an ganz gewöhnlichen Tagen mit Respekt behandelt werden.

Die kleine Übung mit dem Lob lässt sich noch ergänzen: Wenn Sie das nächste Mal gelobt werden, können Sie den genauen Satz aufschreiben, bevor Sie ihn bewerten. Nur die Tatsachen: wer es gesagt hat, auf welches Verhalten es sich bezog und mit welchen Worten. Es geht nicht darum, jedes freundliche Wort zu glauben. Es geht darum, dass neben den alten Vorwürfen auch etwas anderes Platz bekommt: Belege, die nicht zu „Ich genüge nicht“ passen.


Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

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