Warum es Trauer braucht, auch wenn die Eltern noch leben

Manche Menschen führen auch nach der Beerdigung noch innere Gespräche mit dem Verstorbenen, rechtfertigen sich vor ihm und bitten ihn um Erlaubnis, bevor sie etwas entscheiden. Andere haben Eltern, die noch leben, und hoffen: „Eines Tages werden sie mich verstehen.“ Mit dieser Hoffnung gehen sie in jede Begegnung mit ihnen und werden jedes Mal auf dieselbe Weise verletzt.

Vielleicht kennen Sie das: Sie erzählen beim Sonntagsbesuch von Ihrer neuen Stelle, und Ihre Mutter geht nicht darauf ein, sondern fragt nach Ihrem Bruder. Auf der Heimfahrt nehmen Sie sich vor, beim nächsten Mal besser zu erklären, was Ihnen diese Stelle bedeutet.

Ob nach einem Todesfall oder bei Eltern, die noch leben: In beiden Fällen hat man sich innerlich vielleicht noch nicht damit abgefunden, dass die Beziehung, nach der man sich sehnt, in Wirklichkeit nicht mehr zu haben ist. Der Verstorbene kommt nicht zurück, und die Eltern werden einen auch in Zukunft nicht so verstehen, wie man es sich wünscht.

Gehört zur Trauer auch anzuerkennen, dass Ihnen Liebe gefehlt hat?

Trauer bedeutet nicht nur, viel zu weinen. In der Trauer finden Sie sich nach und nach damit ab, dass manches nicht kommen wird: Ein Mensch kehrt nicht zurück. Die Entschuldigung und die Anerkennung, auf die Sie warten, bleiben aus. Eine Zukunft, die Sie sich vorgestellt haben, wird es nicht geben. Auf diesem Weg wird die Kraft, die bisher etwa in innere Gespräche mit dem Verstorbenen oder ins Warten auf das Verständnis Ihrer Eltern geflossen ist, frei für Ihr Leben heute.

Zur Trauer gehört also nicht nur anzuerkennen, dass ein Mensch nicht mehr da ist, sondern auch, dass Ihnen Liebe gefehlt hat, die Sie nicht bekommen konnten. Deshalb passt das Wort Trauer auch dort, wo niemand gestorben ist. Auch hier geht etwas verloren, nur ist es kein Mensch: die Hoffnung, die Eltern könnten doch noch so werden, wie Sie sie gebraucht hätten.

Woran merken Sie, dass Sie sich mit dem Verstorbenen gleichsetzen und sein Leben statt Ihres eigenen leben?

Dass man nach einem Verlust anfängt, so zu sprechen wie der Mensch, den man verloren hat, oder seine Gewohnheiten übernimmt, kann ein natürlicher Teil der Trauer sein. Man setzt sich so ein Stück weit mit ihm gleich; in der Psychologie heißt das Identifikation. Anders ist es, wenn Sie aus Schuldgefühl meinen, Sie dürften es nicht besser haben als der Mensch, der gestorben ist. Dann sagen Sie etwa eine Reise ab oder kümmern sich nicht mehr um Ihre Gesundheit. So werden Sie ihm nicht mehr nur in Worten und Gewohnheiten ähnlich, sondern auch darin, dass er vom Leben nichts mehr hat. Was ein Weg war, ihn in liebevoller Erinnerung zu behalten, ist zur Selbstzerstörung geworden.

Nicht jede Depression und nicht jede Gefahr, sich etwas anzutun, darf man damit erklären, dass jemand nicht richtig trauern konnte. Wer schwer niedergeschlagen ist, daran denkt, nicht mehr leben zu wollen, oder seinen Alltag nicht mehr bewältigt, braucht sofort fachliche Hilfe. Dann kommt die Sicherheit zuerst und erst danach die Frage, was dahinterstecken könnte.

Heißt Trauer um lebende Eltern, sie im Stich zu lassen?

Was Sie in dieser Trauer loslassen, sind nicht Ihre Eltern, wie sie wirklich sind, sondern die Erwartung, dass sie eines Tages die Eltern werden, die Sie sich gewünscht haben. Solange Sie von Eltern, die längst alt geworden sind, noch den Schutz und die Anerkennung verlangen, die Sie als Kind nicht bekommen haben, wiederholt sich bei jeder Begegnung dieselbe Enttäuschung.

Wenn Sie anerkennen, was Ihre Eltern nicht können, müssen Sie ihnen deshalb nicht verzeihen, was sie falsch gemacht haben. Vielleicht ist es auch nötig, den Kontakt einzuschränken und mehr Abstand zu halten. Trauer heißt nicht, die Eltern in ein besseres Licht zu rücken, sondern genau zu sehen, was sie Ihnen geben können und was nicht.

Warum sehen Sie erst dann, was mit Ihren Eltern möglich ist und was nicht, wenn Sie Ihr Wunschbild von ihnen loslassen?

Vielleicht tragen Sie noch immer ein Wunschbild von Ihren Eltern in sich: „Meine Eltern verstehen mich, wenn ich es nur gut genug erkläre“ oder „Eines Tages werden sie sich bei mir entschuldigen“. In Wirklichkeit streiten Ihre Eltern vielleicht weiter ab, was sie falsch gemacht haben, und machen Ihnen Vorwürfe. Wenn Sie trotzdem an Ihrem Wunschbild festhalten, gehen Sie mit derselben Erwartung in den nächsten Besuch – und nehmen sich auf der Heimfahrt wieder vor, es beim nächsten Mal besser zu erklären.

Erst wenn Sie diese Erwartung loslassen, begegnen Sie Ihren Eltern, wie sie wirklich sind. Dann können Sie auch ihre kleinen guten Seiten wahrnehmen, ohne sie aufzubauschen, und bei Verhalten, das Ihnen schadet, klarere Grenzen ziehen. Das Wunschbild loszulassen ist nicht dasselbe, wie die Beziehung abzubrechen. Es heißt vielmehr, nur die Beziehung zu behalten, die tatsächlich möglich ist.

Wie zeigt sich, dass Ihre Trauer fortschreitet und innere Gespräche nicht mehr bestimmen, was Sie heute tun?

Die Trauer ist nicht erst dann vorbei, wenn Sie den Verstorbenen vergessen haben oder für Ihre Eltern nichts mehr empfinden. Wenn Erinnerungen kommen und Sie traurig werden, deswegen aber nicht auf Essen und Schlaf, auf Beziehungen und Arbeit verzichten, dann kehrt Ihr Leben allmählich in die Gegenwart zurück. Auch die inneren Gespräche müssen nicht ganz aufhören. Aber sie bestimmen nicht mehr, was Sie heute tun. Bevor Sie etwas entscheiden, bitten Sie den Verstorbenen nicht erst innerlich um Erlaubnis, und Sie fahren nicht mehr mit dem Vorsatz nach Hause, es Ihren Eltern beim nächsten Mal besser zu erklären.

Anzuerkennen, dass Ihnen Liebe gefehlt hat, die Sie gebraucht hätten, tut sehr weh. Aber es bewahrt Sie davor, immer weiter zu warten – auf einen Menschen, der nicht zurückkommt, oder auf die Eltern aus Ihrem Wunschbild – und dabei die Beziehungen aus den Augen zu verlieren, die Sie heute haben. Was Sie loslassen, ist nicht Ihre Liebe, sondern die Erwartung, die Vergangenheit ließe sich noch ändern, als könnten Ihre Eltern Ihnen heute noch geben, was Sie als Kind gebraucht hätten.


Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

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