Wenn derselbe Traum wiederkommt: das Gefühl, das Sie tagsüber weggeschoben haben

Sie wachen auf, und die Szene aus dem Traum ist noch da. Ein dunkler Flur, Sie suchen eine Tür, Sie haben es eilig, und die Luft wird knapp. Beim Zähneputzen haben Sie das Bild immer noch vor Augen, beim Losfahren auch. Es ist nicht das erste Mal: derselbe Flur, dieselbe Hast, seit Wochen in unregelmäßigen Abständen.

Dabei ist tagsüber nichts passiert — jedenfalls kommt es Ihnen so vor. Gestern hat in der Besprechung wieder jemand eine Bemerkung über Ihre Arbeit gemacht, halb im Scherz, vor allen anderen. Sie haben mitgelacht und weitergearbeitet — so wie letzte Woche, so wie im Monat davor. Jedes Mal schien die Sache damit erledigt.

Der Traum kehrt nicht wieder, weil er Ihnen etwas über die Zukunft sagen will. Er kehrt wieder, weil es ein Gefühl gibt, das Sie am Tag nicht richtig gespürt und über das Sie nicht weiter nachgedacht haben: etwa die Kränkung, die Sie in der Besprechung weggelacht haben. Nachts meldet sich dieses Gefühl wieder, aber in einer ganz anderen Szene: nicht in der Besprechung, sondern in einem dunklen Flur, in dem Sie eine Tür suchen und die Zeit nicht reicht. Deshalb erkennen Sie den Zusammenhang nicht sofort.

Steckt hinter jedem Traum ein verborgener Sinn?

Man kann nicht behaupten, jeder Traum habe einen verborgenen Sinn. Die Serie, die Sie abends gesehen haben, körperliche Empfindungen, irgendeine Kleinigkeit vom Tag — auch daraus macht der Schlaf Bilder.

Woran Sie einen Traum erkennen, bei dem sich Nachdenken lohnt: Dieselbe Szene kehrt wieder — oder das Gefühl aus dem Traum bleibt noch Stunden nach dem Aufwachen. Dann ist es die Mühe wert zu prüfen, ob und wo Ihnen dieses Gefühl im Alltag schon begegnet ist.

Warum ist ein weggeschobenes Gefühl nicht erledigt?

Verdrängung nennt die Psychoanalyse einen Schutzmechanismus der Seele: Ein Gedanke oder ein Gefühl, das schwer zu ertragen ist, wird aus dem Bewusstsein geschoben. Was verdrängt ist, ist also nur beiseitegeschoben, nicht aus der Welt geschafft. Angenommen, Sie ärgern sich über jemanden und sagen sich: „Ich bin nicht wütend auf ihn.“ Damit ist die Wut nicht vorbei. Vorbei ist nur, dass Sie sie bemerken. Der andere bemerkt sie trotzdem: Sie antworten ihm eine Spur kürzer als sonst, sagen zweimal, es sei alles in Ordnung, und sagen die Verabredung am Freitag ab. Er weiß nicht, was los ist — nur, dass etwas los ist.

Weg ist die Wut damit nicht. Wieder auftauchen kann sie dort, wo Sie keinen direkten Einfluss haben: in einem verspannten Nacken und einem angespannten Kiefer, in Fehlern, die Ihnen immer wieder unterlaufen, und in Traumszenen.

Manchmal geht es um zwei Gefühle, die einander widersprechen. Man kann einen Menschen lieben und ihn zugleich hassen. Wenn Sie den Gedanken nicht ertragen, dass Sie einen Menschen, den Sie lieben, auch hassen können, lassen Sie tagsüber nur die Liebe gelten. Nachts träumen Sie dann womöglich, dass Sie ihn angreifen. Ein solcher Traum ist kein Urteil über Sie und kein Beleg dafür, dass Sie schlecht sind. Er ist ein Hinweis darauf, dass es ein Gefühl gibt, das Sie tagsüber nicht zulassen konnten.

Was bedeutet es, wenn der Traum das Gegenteil des Tages zeigt?

Der Schweizer Psychiater C. G. Jung sah im Traum einen Ausgleich für eine einseitige Haltung am Tag. Wer sich den ganzen Tag stark gibt und seine Angst nicht gelten lässt, verirrt sich vielleicht nachts im Traum oder wird verfolgt. Wer sich tagsüber ohnmächtig gefühlt hat, ist im Traum womöglich derjenige, der allen anderen sagt, was sie tun sollen.

Ein solcher Traum verlangt aber nicht, dass Sie im Wachen tun, was Sie im Traum getan haben. „Im Traum bin ich weggelaufen, also muss ich auch in Wirklichkeit weglaufen“ — wer so deutet, macht aus dem Traum einen Befehl. Schauen Sie stattdessen beides zusammen an: wie Sie sich am Tag verhalten haben und was Sie im Traum gefühlt haben. Tag: In der Besprechung habe ich mitgelacht und gesagt, das sei kein Problem. Nacht: Ich habe in einem dunklen Flur eine Tür gesucht und bekam keine Luft. Als Befehl gelesen, hieße das vielleicht: „Ich muss kündigen.“ Ablesen lässt sich daraus etwas anderes: Am Tag habe ich den Gelassenen gegeben, aber gelassen war ich nicht.

Worauf kommt es an, bevor Sie ein Traumsymbol nachschlagen?

Wer häufigen Traumbildern wie einer Schlange oder Wasser eine feste Bedeutung gibt, macht sich das Deuten leicht. Richtiger wird es dadurch nicht. Nehmen Sie einen Hund im Traum: Den einen erinnert er an den Hund, der ihn durch die Kindheit begleitet hat, den anderen daran, dass er mit sechs Jahren gebissen wurde. Was ein Traumbild bedeutet, lässt sich deshalb nur mit Blick auf die Erfahrungen und die jetzige Lage des Menschen klären, der es geträumt hat.

Manche Bilder gehören allerdings nicht nur Ihnen. Die Flut, der dunkle Wald, die Gestalt, die über Sie urteilt — solche Bilder kehren in Märchen und Mythen vieler Kulturen wieder. Jung erklärte das mit einer Schicht der Seele, die uns nicht bewusst ist. Diese Schicht stammt nicht aus der eigenen Lebensgeschichte, sondern ist bei allen Menschen ähnlich angelegt. Jung nannte sie das kollektive Unbewusste. Die Grundmuster darin, aus denen solche Bilder entstehen, nannte er Archetypen, wörtlich Urbilder. Aber nur weil in Ihrem Traum ein heftiges oder uralt wirkendes Bild vorkommt, ist es noch kein archetypischer Traum. Schauen Sie zuerst auf das Gefühl, das Sie in der Szene hatten, und auf die persönliche Erinnerung, die daran hängt.

Wie schreiben Sie einen Traum auf, bevor Sie ihn deuten?

Versuchen Sie nach dem Aufwachen nicht, aus dem Traum eine vollständige Geschichte zu machen. Schreiben Sie auf, was geblieben ist: Szene, Personen, Ort, Gefühl. Halten Sie dabei auseinander, was geschah und was Sie empfanden. Etwa so: „Dunkler Flur, ich suchte eine Tür“ — das ist das Geschehen. „Ich fühlte mich gehetzt und bekam kaum Luft“ — das haben Sie dabei empfunden.

Überlegen Sie danach, wo Sie in letzter Zeit im Wachen etwas Ähnliches gefühlt haben. Schieben Sie eine Entscheidung im Beruf vor sich her, die längst ansteht? Haben Sie im Telefonat mit Ihrer Mutter wieder hinuntergeschluckt, was Sie ihr eigentlich sagen wollten? Das wiederkehrende Gefühl mit dem zu vergleichen, was Sie tatsächlich erlebt haben, ist verlässlicher und genauer, als dem Traum einen Sinn aufzuzwingen.

Was, wenn ein weggeschobenes Gefühl nicht nachts kommt, sondern als Schwere am Tag?

Fragt Sie jemand nach einer schweren Zeit, die hinter Ihnen liegt, sagen Sie, es sei nicht so schlimm gewesen. Und dann ist an einem Tag, an dem nichts Besonderes los ist, Ihr Körper schwer, und Sie bringen nichts in Gang. Das kann daran liegen, dass Sie die Erinnerung an jene Zeit gemieden haben und dabei auch die Angst und die Wut von damals nicht fühlen wollten. Verdrängung hilft Ihnen, weiter zu erledigen, was gerade ansteht. Verarbeitet sind die Gefühle damit aber nicht. Deshalb kann jene Zeit weit weg scheinen, während Ihr Körper angespannt bleibt und Ihnen der Antrieb fehlt.

Man kann kaum gezielt nur die Trauer abschalten und alle anderen Gefühle behalten. Wer jedes Mal die Tränen hinunterschluckt, wenn ihm zum Weinen ist, und bei jeder Wut so tut, als wäre nichts gewesen, der spürt mit der Zeit womöglich alle Gefühle schwächer. Auch über etwas Schönes freut er sich dann nur wenig, und Lust auf irgendetwas kommt kaum noch auf.

Gefühle sind keine Befehle, die Sie befolgen müssen, sondern Signale, die Ihnen etwas über Ihre Lage sagen. Angst lässt Sie prüfen, ob Sie in Sicherheit sind. Wut zeigt an, dass jemand eine Ihrer Grenzen überschritten hat. Trauer hilft Ihnen anzuerkennen, was Sie verloren haben. Wer diese Signale dauerhaft abschaltet, merkt auch nicht mehr, was er braucht.

Nicht nur im Körper kann sich ein Gefühl von damals zeigen, sondern auch in Momenten, die scheinbar nichts damit zu tun haben. Ihr Kind macht einen kleinen Fehler, und Sie fahren es laut an. Das Kind wird still und geht in sein Zimmer, und abends entschuldigen Sie sich mit einem Satz, der Ihnen selbst zu dürftig vorkommt. Ein beiläufiger Scherz beim Feierabendbier beschäftigt Sie den ganzen Abend. An einem freien Samstag sacken Sie in sich zusammen, obwohl nichts vorgefallen ist. Wenn Ihre Reaktion viel größer ausfällt als der Anlass oder ganz ohne Anlass kommt, lohnt sich die Frage, ob dabei ein Gefühl von früher wieder wach geworden ist.

Erklären lässt sich das so: Erinnerungen und Gefühle sind mit bestimmten Tonfällen, Gesichtsausdrücken und Situationen verknüpft. Begegnet Ihnen später etwas Ähnliches, melden sie sich wieder. In Ihrer Reaktion von heute kann dann beides zugleich stecken: das, was jetzt passiert ist, und das, was damals war.

Was heißt es, ein Gefühl von damals anzunehmen?

Ein Gefühl von damals anzunehmen heißt nicht, das Geschehene für in Ordnung zu erklären, zu verzeihen oder es noch einmal durchzumachen. Es heißt anzuerkennen, dass Ihr Gefühl damals berechtigt war, und ihm seinen genauen Namen zu geben: Damals hatte ich Angst. Ich war wütend, weil mir niemand geholfen hat.

Wenn Sie das Gefühl benennen, wird auch klarer, was jetzt zu tun ist, und zwar für jedes Gefühl etwas anderes. Ist es Trauer, lautet die Frage: Wovon muss ich mich verabschieden? Ist es Wut: Wo muss ich eine Grenze ziehen und etwas sagen? Ist es Angst: Besteht die Gefahr von damals heute noch? Was vorher als unbestimmte Antriebslosigkeit auf Ihnen lag, zerfällt so in einzelne Fragen, mit denen Sie etwas anfangen können.

Wann ist Deuten nicht der erste Schritt?

Wenn Sie den Schlaf meiden, weil Sie die Träume fürchten; wenn Sie das Gefühl haben, den Anweisungen eines Traums folgen zu müssen; wenn sich auch im Wachen Traum und Wirklichkeit nicht mehr sicher auseinanderhalten lassen — dann versuchen Sie nicht, Ihre Träume allein zu ergründen. Nötig ist dann nicht, die Bedeutung eines Symbols zu suchen, sondern Schlaf und Alltag wieder in Ordnung zu bringen und sich fachliche Hilfe zu holen.

Fachliche Hilfe brauchen Sie auch, wenn sich Schlaf und Appetit deutlich verändert haben, der Alltag nicht mehr funktioniert und kaum noch etwas Freude macht, und wenn das über längere Zeit so bleibt. Erklären Sie einen solchen Zustand dann nicht allein mit Verdrängung. Dahinter kann auch eine Depression stecken, eine körperliche Erkrankung oder die Wirkung von Medikamenten. Das muss ärztlich abgeklärt werden.

Ein Traum sagt nicht voraus, was kommt. An ihm lässt sich ablesen, welches Gefühl Sie am Tag weggeschoben haben und welcher Konflikt Sie gerade beschäftigt. Dass Sie eine schwere Zeit vergessen wollten, war damals Ihr Weg, weiterzuleben. Jetzt geht es nicht darum, Erinnerungen mit Gewalt auszugraben. Es geht darum, in einem Tempo, das Sie aushalten, den Reaktionen Ihres Körpers und Ihren Gefühlen einen Namen zu geben. Das gilt auch für das Gefühl, das Sie bisher nicht zulassen konnten. Auch wenn die Erinnerung unscharf bleibt, können Sie sich um das kümmern, was Ihnen heute zu schaffen macht.


Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum

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