Im Büro sind Sie den ganzen Tag über freundlich geblieben. In der Besprechung wurde Ihr Vorschlag übergangen, Sie haben genickt. Abends fragt Ihr Partner nur, ob Sie daran gedacht haben, etwas mitzubringen — und Ihre Antwort fällt schärfer aus, als die Frage es verdient hätte.
Danach denken Sie vielleicht: Ich bin einfach müde. Aber auch an anstrengenden Tagen bekommt im Büro niemand diesen Ton zu hören. Der Mensch, mit dem Sie zusammenleben, kennt ihn gut.
Warum kommt Ihr Ärger ausgerechnet zu Hause heraus?
Im Büro oder im Verein ist festgelegt, welche Rolle jeder hat und wie nah man einander kommt. Dort müssen Sie nicht zeigen, wie es Ihnen wirklich geht; im Umgang mit Kollegen und Bekannten reicht Freundlichkeit aus. In nahen Beziehungen, mit Ihrem Partner oder Ihren Kindern, ist das anders: Dort sind Sie auf den anderen angewiesen, und er kann Sie verletzen. Wo Sie verletzt werden können, schützen Sie sich, und zwar so, wie Sie es schon früh im Leben gelernt haben. Deshalb zeigt sich diese alte Abwehr zu Hause stärker als anderswo. Sieht der andere etwas anders als Sie, kann sich das schnell wie ein Angriff anfühlen, und Sie wehren sich: Sie fallen ihm ins Wort, übergehen, was er sagt, oder antworten schärfer, als Sie wollen.
Wer Sie nur von außen kennt, hält Sie für geduldig und umgänglich. Das ist nicht falsch. Aber das gute Urteil der anderen macht den scharfen Ton nicht ungeschehen, den Ihr Partner zu Hause abbekommt. Wer wissen will, wie ein Mensch ist, muss beides ansehen: die Freundlichkeit draußen und den Ton zu Hause.
Wie kann eine Regel schneller sein als Ihr Gefühl?
Wenn ein Kind immer wieder Sätze hört wie „Ein liebes Kind wird nicht wütend“ oder „Wer von seinen Eltern enttäuscht ist, ist ein schlechtes Kind“, dann zensiert es sich später selbst, sobald Ärger oder Kränkung in ihm aufsteigen. Noch bevor es das Gefühl aussprechen kann, steht schon fest: So darf ich nicht empfinden.
Wenn Sie so aufgewachsen sind, gilt diese Regel auch später noch, wenn Sie längst erwachsen sind: Ein guter Mensch wird nicht wütend. Diese Regel meldet sich schneller als das Gefühl, und so lassen Sie die Wut gar nicht erst als Wut gelten. Verschwunden ist die Wut damit aber nicht; sie kann auf anderen Wegen herauskommen. Vielleicht bleibt Ihr Körper angespannt, und schon eine harmlose Frage bringt Sie auf, so wie am Abend die Frage Ihres Partners. Vielleicht gehen Sie dem Menschen aus dem Weg, über den Sie sich geärgert haben, und reden hinterher über ihn statt mit ihm. Oder Sie halten lange still und explodieren dann plötzlich.
Ist Schweigen schon Zustimmung?
Dass niemand laut wird, heißt noch nicht, dass Sie mit Ihrem Gegenüber wirklich gesprochen haben. Sie nicken, widersprechen nicht, sagen aber auch nicht, was Sie selbst denken — und danach ändert sich an Ihrem Verhalten nichts. Für den anderen bleibt offen, was eigentlich vereinbart wurde.
Nach außen bleibt es ruhig, aber was der andere sagt, lassen Sie nicht an sich heran. Diese stille Sturheit hält sich lange, weil sie keinen sichtbaren Streit erzeugt. Es gibt kaum Reibung, und deshalb haben auch Sie selbst keinen Anlass, einmal zu prüfen, wie Sie mit dem anderen umgehen. Für Sie fühlt sich das Schweigen wie Ruhe an. Beim anderen kommt es als Zurückweisung an: Er redet weiter und bleibt dabei allein.
Warum verlieren Sie auch den Antrieb, wenn Sie die Wut wegdrücken?
Die Wut wegzudrücken schadet nicht nur der Beziehung. Wer Ärger sofort als etwas Schlechtes unterdrückt, sagt danach manchmal auch das nicht, was gesagt werden müsste, und verliert die Lust, etwas Neues anzufangen. Beides hat denselben Grund: Nein sagen, sich entscheiden, sich im Wettbewerb behaupten — für all das brauchen Sie eine Kraft, die nach außen drängt. Es ist dieselbe Kraft, die sich in Ihrer Wut meldet. Mit der Wut drücken Sie also auch diese Kraft weg.
In der Psychoanalyse heißt diese Kraft Aggression, und das Wort meint dort nicht nur Gewalt. Es kommt vom lateinischen aggredi: auf etwas zugehen, an etwas herantreten — nicht: es zerstören. Gemeint ist die lebendige Kraft, mit der Sie auf das zugehen, was Sie wollen, ein Hindernis beiseiteschieben und sich selbst schützen. Genau sie fehlt, wenn Sie „klar, mach ich“ sagen, obwohl Sie nein meinen. Deshalb besteht die Aufgabe nicht darin, diese Kraft loszuwerden, sondern darin, sie so zu benutzen, dass Sie für Ihr Handeln geradestehen können.
Um diese Kraft nutzen zu können, müssen Sie sich allerdings zuerst ausruhen dürfen. Wie das aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus der Therapie: Ein erschöpfter Mensch schläft in der Stunde ein oder kann eine Zeit lang nichts sagen. Das ist dort kein Versäumnis. Nicht immer, aber manchmal braucht ein Mensch genau das zuerst: die Erfahrung, dass er nichts leisten muss, nicht bewertet wird und die Beziehung zum Therapeuten trotzdem hält.
Das gilt auch außerhalb der Therapie: Beim Ausruhen lässt die Anspannung im Körper nach, und Sie spüren sich wieder. Wer nicht ausgeruht ist und trotzdem immer weiter zum Handeln gedrängt wird, handelt nicht mehr aus eigenem Antrieb, sondern erfüllt nur eine weitere Pflicht. Deshalb kommt das Ausruhen zuerst, noch bevor Sie versuchen, Ihre Wut in Worte zu fassen.
Was ändert der Satz „Ich bin auch wütend“?
Wer gelernt hat, dass Wut Beziehungen zerstört, gibt nicht zu, dass er wütend ist. Stattdessen meint er schnell, im Gesicht und im Tonfall des anderen Feindseligkeit zu sehen. Dann geht er vorsorglich in Abwehr oder zieht sich zurück. Es kommt ihm vor, als läge alle Aggression beim anderen und keine bei ihm selbst. Die Psychoanalyse nennt das Projektion: Ein Gefühl, das man bei sich selbst nicht zulassen kann, erlebt man als Eigenschaft des anderen.
Wenn Sie zugeben, dass auch Sie wütend sind, wird der andere dadurch nicht unschuldig. Es ändert etwas anderes: Sie können nun getrennt betrachten, wie groß die tatsächliche Bedrohung ist und wie stark Ihr eigenes Gefühl gerade ist. Und erst dann entsteht der Spielraum, die Wut mit einem Nein und mit Abstand auszudrücken statt mit Beleidigung oder Gewalt.
Sie können auf einen Menschen, der Ihnen nahesteht, wütend sein und ihn im selben Moment weiter liebhaben. Wenn Sie beides zugleich aushalten, greifen Sie nicht die ganze Person an — du bist unerträglich —, sondern verlangen etwas Bestimmtes: Hör mit diesem Verhalten auf. Und wenn nach der Wut das schlechte Gewissen kommt, können Sie wiedergutmachen, was Sie falsch gemacht haben, und die Beziehung wieder in Ordnung bringen.
Wut kann auch den Drang enthalten, etwas kaputtzumachen. Ihre Aggression als Teil von Ihnen anzunehmen, statt sie wegzusperren, heißt nicht, diesen Drang schönzureden. Es heißt, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Sie diese Kraft einsetzen, um Grenzen zu ziehen, etwas Neues zu schaffen und wiedergutzumachen, was Sie in der Wut beschädigt haben.
Was können Sie in dem Moment tun, bevor aus dem Impuls ein Satz wird?
Achten Sie darauf, was in Ihrem Körper passiert, wenn die Gereiztheit hochkommt: Der Kiefer spannt sich an, die Stimme wird lauter. Spätestens dann, bevor Sie losschimpfen oder alles herunterschlucken, ist der Moment für zwei Fragen: Welche Grenze wurde gerade überschritten, und was müsste ich verlangen?
Dass Sie sich übergangen gefühlt haben, ist eine Tatsache. Ob der andere Sie tatsächlich übergehen wollte, ist eine Frage, die noch zu klären ist. Wer beides auseinanderhält, kann sprechen, ohne anzugreifen. Statt „Du übergehst mich immer“ sagen Sie, was geschehen ist und was es in Ihnen auslöst: „Wenn der Fernseher weiterläuft, während ich dir etwas erzähle, habe ich das Gefühl, dass dir nicht wichtig ist, was ich sage, und das kränkt mich.“
Wenn Sie möchten, dass der andere etwas ändert, gehört eine Bitte dazu, und zwar so formuliert, dass er sie erfüllen kann: „Kannst du den Fernseher für die zehn Minuten ausschalten, in denen wir darüber reden?“ Der andere darf diese Bitte ablehnen oder etwas anderes vorschlagen.
Ist das Gefühl zu stark, sprechen Sie besser nicht sofort. Gehen Sie aus dem Raum — aber sagen Sie, wann Sie darauf zurückkommen. Durchatmen, spazieren gehen, aufschreiben, was Sie fühlen — und dann zurück ins Gespräch.
Wut gibt Ihnen keine Erlaubnis für alles, was Sie in der Wut tun möchten. Dass Sie etwas fühlen, ist weder richtig noch falsch; wie Sie es ausdrücken, dafür tragen Sie die Verantwortung. Ein Gefühl gibt niemandem das Recht, etwas zu werfen oder jemanden zu schlagen. Wenn Sie merken, dass Sie sich nicht mehr im Griff haben, verlassen Sie die Situation und holen Sie sich Hilfe. Und wo Gewalt oder Drohung im Spiel sind, kommen zuerst Abstand und Hilfe — nicht das offene Gespräch.
Und wenn Sie die Person sind, die zu Hause den scharfen Ton abbekommt?
Wechseln wir die Seite: Angenommen, Sie drücken die Wut nicht weg, sondern bekommen die Wut eines anderen ab. Zu verstehen, warum jemand ausgerechnet zu Hause scharf oder kalt wird, hilft Ihnen, sein Verhalten weniger persönlich zu nehmen. Verstehen heißt aber nicht entschuldigen, und Sie sind nicht verpflichtet, dieselbe Verletzung immer wieder einzustecken. Wenn der andere Sie immer wieder übergeht, schweigt und herabsetzt, müssen Sie konkret sagen, welches Verhalten Sie nicht hinnehmen.
„Reg dich nicht so auf“ ist dafür zu ungenau. Deutlicher ist ein Satz, der beides nennt: die Grenze und das, was Sie tun, wenn sie überschritten wird. Zum Beispiel: „Wenn du rausgehst, während ich rede, hören wir an dieser Stelle auf, und ich komme später darauf zurück.“ So ist klar: Mit dem Hinausgehen ist das Thema nicht erledigt. Ob der andere wirklich etwas ändern will, erkennen Sie nicht an seinen Erklärungen, sondern an dem, was er immer wieder tut.
Erkennen Sie in diesem Text nur den anderen wieder?
Wenn Sie diesen Text nur als Checkliste benutzen, um jemand anderen damit zu diagnostizieren, wiederholt sich dasselbe Problem: Auch Sie verschließen sich dann vor dem Menschen, der Ihnen nahesteht. Prüfen Sie deshalb auch sich selbst: Stand Ihr Urteil schon fest, bevor der andere zu Ende gesprochen hatte? Haben Sie Ihre Kränkung nicht ausgesprochen und darauf gewartet, dass man sie Ihnen ansieht?
Nähe heißt nicht, alles zu ertragen, und ebenso wenig, alles offenzulegen. Sie heißt, dass Sie einander sagen können, wo Sie verschiedener Meinung sind, dass Sie das unangenehme Gefühl des anderen anhören und danach Ihr Verhalten anpassen. Um ein guter Mensch zu sein, müssen Sie Ihre Gefühle nicht zum Schweigen bringen. Und was ein Mensch in Beziehungen kann, zeigt sich weniger an seinem Ruf draußen als daran, wie er Konflikte mit den Menschen austrägt, die ihm am nächsten stehen.
Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum