Jemand betritt den Raum, sagt zwei Sätze, und etwas in Ihnen zieht sich zusammen. Er hat Ihnen nichts getan. Sie kennen ihn nicht. Trotzdem steht das Urteil bereits fest, und es fühlt sich nicht wie eine Vermutung an, sondern wie eine Tatsache: Dieser Mensch hält sich für etwas Besseres. Eine Stunde später tut jemand anderes genau dasselbe, und es fällt Ihnen nicht einmal auf.
Der Unterschied liegt nicht in den beiden Menschen. Er liegt in dem, was Sie selbst in die Begegnung mitbringen: in Ihren früheren Erfahrungen und in Gefühlen, die Sie bei sich nicht zulassen.
Warum heißt dieser Vorgang ausgerechnet Projektion?
In der Psychoanalyse spricht man von Projektion, wenn jemand sich einen eigenen Wunsch oder die eigene Wut nicht eingestehen kann und das stattdessen als Eigenschaft eines anderen Menschen erlebt. Ein Beispiel: Zu beurteilen, ob der andere sich tatsächlich egoistisch verhalten hat, ist eine Sache. Etwas ganz anderes ist es, eigene egoistische Wünsche, die Sie sich nicht eingestehen, nur bei ihm zu sehen. Das Zweite ist Projektion. Und weil Sie das, was Sie bei sich selbst nicht zulassen, jetzt bei ihm sehen, stört Sie schon eine kleine Geste dieses Menschen heftig.
Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „nach vorn werfen“: Etwas, das in Ihnen ist, wird nach außen geworfen, und Sie sehen es dann draußen, beim anderen. Man kann es sich wie bei einem Projektor vorstellen: Das Bild steckt im Gerät, erscheint aber auf der Wand. Wer im Raum sitzt und zur Wand schaut, sieht das Bild nur dort — nicht in dem Gerät hinter seinem Rücken.
Projektion ist keine Lüge: Niemand beschließt sie, und man ertappt sich nicht dabei. Der Vorgang läuft von selbst ab und schützt Sie: Was Sie bei sich nicht zulassen können, müssen Sie so nicht bei sich spüren, denn es erscheint beim anderen. Und weil Sie nicht merken, dass es aus Ihnen selbst kommt, fühlt sich ein Urteil wie „Dieser Mensch hält sich für etwas Besseres“ so fest an wie eine Tatsache. Sie sehen es ja. Aber wie sicher Sie sich fühlen, sagt nichts darüber, ob das Urteil stimmt.
Wie kommt es, dass das Gefühl sofort da ist und der Grund erst nachgeliefert wird?
Nach wenigen Worten steht schon fest, ob jemand angenehm ist oder unangenehm. Ihr Gehirn liest Mimik, Stimme und Haltung in Sekundenbruchteilen und vergleicht sie mit dem, was Sie früher erlebt haben. Es fragt dabei nicht, wer dieser Mensch ist, sondern ob man bei ihm sicher ist. Das geht so schnell, dass die Empfindung zuerst da ist. Die Begründung suchen Sie hinterher.
Dass wir dabei auf frühere Erfahrungen zurückgreifen, ist an sich kein Fehler. Wenn Sie einen Kugelschreiber sehen, wissen Sie sofort, was er ist und wozu er dient — das verdanken Sie ausschließlich Ihrer Erinnerung. Ohne sie stünden Sie vor jedem Gegenstand ratlos.
Zum Problem wird es erst, wenn wir glauben, ein neuer Mensch sei mit dem, was wir von früher kennen, schon vollständig erklärt. Ein Mensch ist unvergleichlich komplizierter als ein Kugelschreiber. Trotzdem genügt uns ein Tonfall, um jemanden „kontrollierend“ zu nennen, und ein Gesichtsausdruck für das Urteil „Der mag mich nicht“. Dazu kommt: Vieles von dem, was wir über Menschen zu wissen glauben, haben wir in der Kindheit gesammelt, mit dem Verständnis, das wir damals hatten. So entstehen Schlüsse wie „Die Leute mögen mich nicht“. Solches Wissen ist oft schon verzerrt, und wer damit auf einen neuen Menschen schaut, sieht nicht ihn, sondern die eigene Vergangenheit.
Was tut ein Kind mit einem Gefühl, das ihm zu groß ist?
Die Psychoanalytikerin Melanie Klein hat beschrieben, dass ein Säugling die heftigen Gefühle, die Hunger und Warten in ihm auslösen, noch nicht aushalten kann. Sie sind zu stark für einen so kleinen Menschen. Also erlebt das Kind das, was es quält, als etwas, das von außen kommt — von einem „bösen“ Gegenüber. Dieses Gegenüber ist ausgerechnet der Mensch, der es versorgt, denn auf ihn muss das Kind warten, wenn es Hunger hat. Dass das Schlimme von außen zu kommen scheint, mindert die Angst des Kindes: Es ist dann nicht mehr in ihm selbst. Nach Klein ist das die früheste Form dessen, was später Projektion heißt.
Mit der Zeit lernt das Kind, diese Gefühle auszuhalten, und zwar durch Wiederholung: Der Mensch, der es versorgt, hält sein Schreien aus, kommt zurück und beruhigt es. Wenn das oft genug geschieht, macht das Kind die Erfahrung, dass weder es selbst noch die Beziehung an seiner Wut zerbricht. Erst dann kann es Gutes und Schlechtes in ein und demselben Menschen sehen: Der Mensch, auf den es warten musste, ist derselbe, der es tröstet. Wo diese Erfahrung fehlte, bleibt später die Neigung, andere Menschen entweder für ganz gut oder für ganz schlecht zu halten — und zwar sofort, beim ersten Eindruck.
Warum fällt Ihnen gerade das, was Sie sich selbst verboten haben, beim anderen so stark auf?
Wer schon immer für alles verantwortlich sein musste, auch wenn er erschöpft war und sich ausruhen wollte, hält jemanden, der sich unbefangen helfen lässt, schnell für verantwortungslos. Wer sich dafür schämt, gesehen und anerkannt werden zu wollen, empfindet jemanden, der offen von sich erzählt, schnell als unerträglich selbstgefällig.
Der Grund ist einfach: Ein verbotener Wunsch, etwa der Wunsch, sich auszuruhen oder anerkannt zu werden, verschwindet nicht. Er wird nur nicht mehr zugelassen. In sich selbst sehen Sie ihn nicht mehr, aber er ist noch da. Und weil es Ihr eigener Wunsch ist, erkennen Sie ihn bei einem Fremden schneller als jeder andere im Raum.
Damit ist nicht gesagt, dass der andere nichts falsch macht. Die nützlichere Frage lautet aber nicht, ob sein Verhalten in Ordnung war, sondern: Warum reagiere ich gerade darauf so stark? Vergleichen Sie, wie Sie bei diesem Menschen reagieren und wie bei einer anderen Person, die dasselbe tut — so wie in der Szene am Anfang, wo Ihnen der Zweite nicht einmal auffiel. Der Unterschied zeigt Ihnen ziemlich genau, wo das tatsächliche Problem aufhört und Ihr eigener Anteil beginnt.
Wie wird aus Projektion im Streit ein Beweisverfahren?
Hier zeigt sich, was Projektion in einer Beziehung anrichtet. Sie halten den anderen für kalt und stellen ihn zur Rede. Er fühlt sich angegriffen, zieht sich zurück und wird tatsächlich kühl. Und Sie denken: Ich hatte recht.
Ihre Erwartung hat diese Reaktion erst hervorgerufen, und die Reaktion bestätigt nun Ihre Erwartung und macht sie noch fester. Wenn beide Seiten so projizieren, hört der Streit auf, ein Streit über eine Sache zu sein. Er wird zu einem Verfahren, in dem jeder Beweise dafür sammelt, dass der andere der Schlechtere ist — und Beweise finden sich immer, weil jeder beim anderen genau das Verhalten hervorruft, das er ihm vorwirft.
Unterbrechen können Sie diesen Kreislauf in dem Augenblick, bevor Sie dem anderen eine Absicht unterstellen. Sagen Sie stattdessen zuerst, was Sie beobachtet haben. Nicht „Du missachtest mich“, sondern „Als du aufs Handy gesehen hast, während ich geredet habe, hatte ich den Eindruck, du hörst mir nicht zu.“ Der erste Satz ist ein Urteil, das der andere nur bestreiten kann. Der zweite nennt zuerst, was geschehen ist, und dann, welchen Eindruck das bei Ihnen hinterlassen hat. Er behauptet nicht, dass der andere Ihnen tatsächlich nicht zuhört. Über einen solchen Satz kann man miteinander reden.
Was bringt es, drei Zeilen getrennt aufzuschreiben?
Wenn der Gedanke auftaucht, jemand nehme Sie nicht ernst, schreiben Sie zuerst auf, was Sie mit den Augen gesehen haben. Dann, in eine eigene Zeile, was Sie gefühlt haben. Und zuletzt, wieder getrennt, wie Sie es gedeutet haben.
„Er hat aufs Handy gesehen, während ich geredet habe.“ „Ich fühlte mich gedemütigt.“ „Ich habe daraus geschlossen, dass ihm egal ist, was ich sage.“ Das sind drei verschiedene Dinge: eine Beobachtung, ein Gefühl und eine Deutung. Im Kopf verschmelzen sie zu einem einzigen Eindruck. Getrennt auf dem Papier tun sie das nicht mehr, und Sie sehen: Dass ihm egal ist, was Sie sagen, haben Sie nicht gesehen, sondern geschlossen.
Es geht dabei nicht darum, Ihnen Ihr Gefühl auszureden. Ihr Gefühl ist echt, und es darf da sein. Es geht darum, dass Sie ansprechen können, was Sie gestört hat, ohne gleich den Schluss zu übernehmen, den Ihre Kränkung nahelegt: „Ihm ist egal, was ich sage.“
Wovon ist hier ausdrücklich nicht die Rede?
Wer jede Wut zur Projektion erklärt, schiebt am Ende dem Verletzten die Verantwortung zu. Drohung, Gewalt, wiederholte Demütigung, finanzielle Kontrolle — das sind überprüfbare Handlungen. So etwas muss zuerst aufhören, und Sie müssen in Sicherheit sein. Es gibt keinen Grund, eine Verletzung mit dem Gedanken auszuhalten, das sei ja nur Ihre eigene Projektion.
Die Fragen dieses Textes gehören in die Zeit danach, wenn Sie in Sicherheit sind. Mit ihnen prüfen Sie, wie viel von einer alten Verletzung sich in Ihre heutige Reaktion gemischt hat. Was der andere falsch gemacht hat, bleibt davon unberührt. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Der andere hat falsch gehandelt, und in Ihrer Reaktion steckt zusätzlich eine alte Verletzung.
Was zeigt sich, wenn Sie das Wort, mit dem Sie den anderen beschreiben, einmal auf sich selbst beziehen?
Wenn Sie jemanden immer wieder egoistisch nennen, geltungssüchtig oder kontrollierend, dann fragen Sie sich vorsichtig, ob dieses Wort auch auf Sie selbst zutrifft. Wollte ich mich auch einmal ausruhen und habe es mir nicht erlaubt? Wollte ich gesehen werden und habe mich dafür verachtet? Habe ich selbst schon einmal jemanden in meiner Familie kontrolliert, weil ich meine eigene Unruhe sonst nicht ausgehalten hätte?
Die Antwort „Diese Seite habe ich auch“ spricht den anderen von nichts frei. Aber Sie holen damit einen Teil Ihrer eigenen Gefühle zu sich zurück, den Sie bisher nur beim anderen gesehen hatten. Und das verändert, wie Sie in Beziehungen sprechen: Wenn Sie Ihren eigenen Wunsch und Ihre eigene Wut direkt aussprechen können, müssen Sie beides nicht mehr dadurch zeigen, dass Sie die Fehler des anderen angreifen.
Geschrieben von Kim Hyung-keun — Direktor des Seoul Addiction Psychology Institute · Direktor des Institute for Contemporary Psychoanalysis · Objektbeziehungstherapeut und Supervisor, seit 26 Jahren in Praxis und Lehre. Beratungsforum